Buchtipp: Bildung als Provokation
Leistungspunkte statt Neugier

  • 0

Bildung verkommt zum Schlagwort

Aus Sicht des Autors hat der Bildungsbegriff, wie er heute verwendet wird, nichts mehr mit seiner eigentlichen Bedeutung zu tun.

Bildung und Lernen würden wir nur noch als „Ausbildungs- und Qualifizierungsprogramm mit knappem Zeitmanagement verstehen und jede Form einer frei flottierenden Neugier, jede Lust am Erkennen, jede Freude am Schönen als unnütz, als Verschwendung von Zeit und Geld denunzieren“.

Bildung sei zum Schlagwort für alles Mögliche, ein ernsthafter Bildungsanspruch zur „Provokation“ geworden.

Zur echten gehört auch die literarische Bildung, die Zeit braucht und auch eine gewisse Vereinsamung beinhaltet. Gebildet kann demnach nur ein belesener Mensch sein, der die Klassiker der Literatur verschlungen hat. Denn mit der Lektüre könne es dem Menschen gelingen, die Welt zu durchdringen, seine Persönlichkeit zu verändern.

Dabei weiß auch Liessmann: Lesen war schon immer ein „Minderheitenprogramm“ – und bleibt es.

Überhaupt, die Literatur – sie sei aus den Schulen weitestgehend verschwunden. Stattdessen gehe es nur noch darum, Kompetenzen zu erwerben. Im Deutschunterricht bedeute das: Textverständnis, Analysefähigkeiten oder Vergleich unterschiedlicher Schreibstrategien. An welchen Texten man all das übe, sei letztlich egal.

Es gibt hierzulande viele Kritiker, aber auch viele Befürworter dieser Kompetenzorientierung, die eine Reaktion auf die unerwartet schlechten Ergebnisse der 15-Jährigen im internationalen Schülertest Pisa aus dem Jahr 2 000 waren.

Allerdings finden sich in den Lektürevorschlägen für die Oberstufe des Gymnasiums, etwa in Bayern, durchaus auch Bertolt Brechts Dramen, Franz Kafkas Erzählungen oder Romane von Thomas Mann. Nur: Was davon die Schüler lesen, entscheidet in der Regel der Lehrer.

Die Schule habe aber die Aufgabe, sagt Liessmann im Gespräch, Kinder mit Dingen bekanntzumachen, mit denen sie in ihrem Leben sonst nicht unbedingt in Berührung kämen. „Schülern Schubert vorzuspielen, wird bei zwei oder drei von ihnen etwas auslösen. Und um diese zwei oder drei geht es.“

Kommentare zu " Buchtipp: Bildung als Provokation: Leistungspunkte statt Neugier"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%