Buchtipp: Das Ende der Alchemie
Teutonische Fehlschlüsse

In seinem Buch übt der Ex-Chef der englischen Notenbank harte Kritik an Deutschland. Die Eurozone stecke auch deshalb in der Krise, weil Wolfgang Schäuble die Währungsunion falsch einschätze.
  • 0

New YorkMervyn King ist nie um eine Provokation verlegen. Als Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, im Dezember 2015 die Reaktion der Kapitalmärkte auf seine Geldpolitik völlig falsch eingeschätzt hatte, nahm King ihn am folgenden Tag ins Kreuzverhör. „Das hat gestern nicht so geklappt, oder?“, sagte er unter dem Gelächter der Zuhörer im feinen Economic Club of New York.

Damals hatte die EZB ihre Geldpolitik nur leicht gelockert, die ‧Anleger reagierten enttäuscht, der Dax sackte ab. King schaffte es, den unerschütterlichen Draghi mit seinen Fragen in die Enge zu treiben, so dass der etwas konfuse Schachtelsätze formulierte, die das Publikum noch mehr erheiterten.

King selber war befreit von seinen schwersten Amtspflichten. Die zehnjährige Periode als Chef der britischen Notenbank hatte im Juli 2013 geendet, danach zog er unter dem Titel „Baron von Lothbury“ ins britische Oberhaus ein.

King kann zurückschauen auf eine Zeit an einer der wichtigsten Schaltstellen der Weltwirtschaft, während der er auch die große Finanzkrise ab dem Jahr 2007 erlebte.

Seine Erfahrungen münden in ein Buch, das 2017 auf Deutsch unter dem Titel „Das Ende der Alchemie“ erschienen ist. Darin beschreibt King weniger seinen Job als Chef der Bank of England. Er befasst sich mehr mit den wirtschaftlichen Problemen dieser Welt weit über das enge Gebiet der Geldpolitik hinaus.

Kritik übt er dabei vor allem an Deutschland. „Deutschland steht vor einer schrecklichen Wahl“, schreibt er. „Sollte es die schwächeren Mitglieder der Euro-Zone mit hohen, nicht enden wollenden Kosten für seine Steuerzahler unterstützen, oder sollte es das Projekt Währungsunion in ganz Europa stoppen?

Der Versuch, einen Mittelweg zu finden, misslingt.“ Wie viele angelsächsische Kommentatoren hält King den Euro für eine Fehlkonstruktion und wirft den Deutschen vor, wirtschaftliche Zusammenhänge nicht zu verstehen:

„Deutschland braucht höhere Zinssätze und einen stärkeren Euro; Italien und andere Randstaaten brauchen das genaue Gegenteil. Die Idee, alles käme in Ordnung, wenn nur andere Staaten Deutschland folgen würden, ist ein Mythos.“

Dabei spricht er explizit auch Wolfgang Schäuble an: „Deutschlands Handelsüberschuss nähert sich acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Wer wie der deutsche Finanzminister argumentiert, dies sei für die gesamte Euro-Zone hilfreich, weil der deutsche Überschuss anderswo bestehende Defizite ausgleiche, hat die wirtschaftlichen Konsequenzen einer Währungsunion nicht verstanden.“

Kommentare zu " Buchtipp: Das Ende der Alchemie: Teutonische Fehlschlüsse"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%