Buchtipp: "Herrschaft der Dinge"

Affe. Homo Sapiens. Konsument.

Warum nimmt Besitz eine so große Rolle in unserem Leben ein? Historiker Frank Trentmann nun hat erstmals umfassend die „Herrschaft der Dinge“ analysiert – und festgestellt: Konsum ist mehr als bloße Prahlerei.
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Die Geschichte des Konsums ist so alt wie die Zivilisation. Quelle: dpa
Im Kaufrausch

Die Geschichte des Konsums ist so alt wie die Zivilisation.

(Foto: dpa)

DüsseldorfWeihnachten ist ein guter Indikator dafür, dass wir in unserer heutigen Zeit mehr konsumieren, als unsere Straßen vertragen: Last-Minute-Shopper verstopfen derzeit wieder die Innenstädte, dazu kommen die vielen Paketboten, die im Festtagsstress jeden Tag Millionen Pakete zustellen. Das wäre im Venedig des 15. Jahrhunderts nicht passiert. Geld hatten dort die reichen Kaufleute freilich genug, aber Gesetze verhinderten, dass sie es im großen Stil für privaten Konsum ausgeben durften. So verbot der Senat 1403 etwa den Venezianern das Tragen von Hermelin- und Marderfellen.

Das führte auf der anderen Seite dazu, dass der prächtige Markusplatz in Venedig heute so aussieht, wie er aussieht: Die gesellschaftliche Stellung bemaß sich nicht an der Zahl der Dinge, die einem gehörten, sondern an der Höhe der öffentlichen Zuwendungen. Die Folge: Die Kaufleute spendeten und verschönerten ihre Stadt. Wo heute die Stadtsparkasse mal eine Parkbank sponsert, durfte es für die wichtigsten Kaufleute in Venedig ein Palazzo Strozzi sein.

Der Bericht über die Konsumgewohnheiten in Venedig ist nur eine von vielen Episoden, die Frank Trentmann in seinem Buch „Herrschaft der Dinge“ erzählt. Dem deutschen Historiker, der am Birkbeck College in London lehrt, ist die erste Darstellung der Geschichte des Konsums in dieser Tiefe gelungen. Trentmann durchpflügt dafür diverse Disziplinen: Von Finanzen, Recht und Technik, bis hin zu Wirtschaft, Politik und Soziologie. Eine lesenswerte Fleißarbeit.

Herrschaft der Dinge Quelle: Random House
Frank Trentmann

Herrschaft der Dinge

(Foto: Random House)

Der Professor für Geschichte beginnt im Hier und Jetzt und stellt – nicht frei von anklagendem Unterton – fest, dass der Konsum in den letzten Jahrhunderten „zum bestimmenden Merkmal unseren Lebens geworden ist“. Für ihn gehört die Frage, wie viel und was wir konsumieren dürfen, zu den drängendsten unserer Zeit.
Trentmann lässt sich dabei nicht auf eine ideologische Debatte zwischen Linken und Liberalen ein. Er will „einen historischen Beitrag“ liefern, wie er schreibt – und das gelingt ihm exzellent: Der Leser kommt auf den über 1000 Seiten sehr nah an das Leben der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten heran. Wie in Venedig prallte immer wieder der Wunsch nach Besitz auf die gesellschaftlichen Normen der jeweiligen Zeit.

Klagen über demonstrativen Konsum durch Reiche seien dabei „so alt wie die Zivilisation“, schreibt Trentmann. Historisch betrachtet sei die klassische Prahlerei aber „nur ein kleiner Teil unseres unersättlichen materiellen Verlangens“. Ging es in manchen Jahrhunderten eindeutig darum, den eigenen Reichtum öffentlich zur Schau zu stellen, war es den Menschen in anderen Zeiten wichtiger, Reichtum eher im Privaten zu zeigen und sich etwa ein besonders schönes Zuhause zu leisten.

Wie viel Kontrolle haben wir noch?
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