Buchtipp „Kraft“
Verzweifelt im Valley

Eigentlich ist Richard Kraft überzeugter Neoliberaler. Doch als der Professor für einen TED-Talk ins Silicon Valley kommt, überfordert ihn der skrupellose Hurra-Kapitalismus. Eine herrliche Satire von Jonas Lüscher.
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Nie ist es einfach, nie und nichts! Diese Allerweltsweisheit begleitet den Mittfünfziger Richard Kraft durchs Leben, das ihn für zwei Wochen nach Kalifornien verschlagen hat. Dort nimmt er auf Anregung seines Studienfreundes Ivan an einem Wettbewerb im Stil der TED-Konferenzen teil, in dem er begründen soll, dass alles, was ist, gut ist.

Und noch verbessert werden kann. Als Preisgeld winkt eine Million Dollar, ausgesetzt von Tobias Erkner, einem Venture-Capital-Hai mit Milchbubi-Gesicht. Kraft braucht das Geld, will sich damit aus seiner gescheiterten Ehe befreien.

Doch der Rhetorikprofessor, der sonst alles und jeden an die Wand argumentiert, tut sich schwer mit der Aufgabe. Als Studenten waren er und Ivan im Berlin der achtziger Jahre glühende Anhänger von Reaganomics und Thatcherismus: Deregulierung, Privatisierung, Steuersenkungen – das war sexy! Den Beginn der Ära Kohl feierten sie euphorisch.

30 Jahre später muss der hochintelligente, aber nicht gerade lebenskluge Kraft im Silicon Valley feststellen, dass die Wirklichkeit ihn und seine mit allen philosophischen Wassern gewaschenen liberalen Ideale überholt hat. Daheim in Tübingen ein stolzer Early Adopter – „Kraft sieht es als eine Art Bürgerpflicht, mit dem Erwerb elektronischer Geräte die Volkswirtschaft zu stützen“ –, ist er im Land der Sonne „old Europe“.

Die Passagen, in denen Kraft auf Erkner und andere Vertreter der digitalen Ökonomie stößt, sind grandios. Durch deren Habitus im Kleinen und ihre Visionen im Großen nimmt Lüscher diese neuen Leistungsträger herrlich aufs Korn, entlarvt ihre Form von Ideologie. Wettbewerb? Ist für Loser. Die Zukunft gehört den Skrupellosen. Peter Thiel lässt grüßen.

Lüscher schreibt elegant und mit Tempo, anspielungsreich, gewitzt, mit leichter Hand und doch dicht. Die Geschichte des Liberalismus wird ebenso thematisiert wie die Spielarten der Freiheit. Wie unterschiedlich sind doch das, wofür sich der aus Ungarn geflohene Ivan und Kraft als Studenten einsetzten, und die Freiheit der kalifornischen Neoliberalen! Und dann ist da noch jene Art von Freiheit, mit der sich Kraft in seiner Beziehung zu Frauen herumschlägt. Nie ist es einfach, nie und nichts.

Wie schon in seinem ersten Roman, dem Bestseller „Der Frühling der Barbaren“, gelingt es Jonas Lüscher hervorragend, gesellschaftliche Phänomene, die sich oftmals der Wahrnehmung entziehen oder schwer greifbar sind, am Schopfe zu packen und den Lesern näherzubringen. Dafür kombiniert er gefühlte Wahrheiten seiner Protagonisten mit deren teils liebevoller Karikatur aus Erzählersicht und der Beschreibung vermeintlich nebensächlicher Details.

Denn gesellschaftliche Zustände sind eben nicht das Resultat von rationaler Entwicklung, wirtschaftlicher Optimierung, historischem Fortschritt. Vielmehr speisen sich Visionen und Realitäten immer auch aus Umwegen, Zufällen, Gefühlen. Entlang seines feinnervigen Antihelden lotet Jonas Lüscher die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart gekonnt aus. Zeigen statt benennen – das macht seit jeher gute Literatur aus.

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