Buchtipp: Machine, Platform, Crowd
„Müssen wir Google zerschlagen? Nein!“

Dank seiner Thesen fürchten wir, dass uns schlaue Maschinen die Arbeit wegnehmen. In seinem neuen Buch warnt Bestsellerautor Andrew McAfee dennoch davor, künstliche Intelligenz zu verteufeln. Ein Interview mit dem Vordenker.
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New YorkAndrew McAfee würde der amerikanische Jargon als „intense“ beschreiben: Ein überwacher Mann, der eindringlich erzählt, kein Wort zuviel benutzt und Argumente mit den Händen verstärkt. An diesem Morgen in New York bei der Digitalkonferenz DLD am Ufer des Hudson River hockt er am Rand des Sofas, als müsse er jeden Augenblick aufspringen.

Die innere Unruhe, die der 50-jährige Informatiker und Ökonom von der MIT Sloan School of Management in Boston ausstrahlt, passt zu dem Thema, das ihn als Forscher umtreibt: Der rasante Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft durch moderne Informationstechnologien.

Der Besteller „The Second Machine Age“, den McAfee mit MIT-Kollege Erik Brynjolfsson verfasste, gilt als eines der einflussreichsten Werke über künstliche Intelligenz der vergangenen Jahre. 2015 erhielten die Autoren dafür den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Nun erscheint ihr neues Buch „Machine, Platform, Crowd“.

Tim Cook von Apple, Google-Chef Sundar Pichai oder auch Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook, reden in jüngster Zeit erstaunlich oft über die problematischen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt. Fürchtet sich die Branche inzwischen vor den Geistern, die sie rief?
Die Leute in Silicon Valley wissen, dass sie gewaltige Werkzeuge entwickeln. Das sollte uns zunächst einmal freuen, weil neue Technologien vieles möglich machen. Wir können dank Big Data und Maschinenintelligenz den genetischen Code des Lebens lesen und bearbeiten, das sind die mächtigsten Instrumente, die die Menschheit je für sich erfunden hat. Es ist jedoch wichtig, sie richtig einzusetzen, und wir müssen den Folgen ins Auge sehen. Der Wandel wird Konsequenzen für Jobs und Löhne haben, das wissen die Tech-Chefs.

Sie warnten als einer der ersten Wissenschaftler vor digital erzeugter Massenarbeitslosigkeit. Noch hat sich die düstere Prophezeiung nicht erfüllt. Haben Sie sich schlicht geirrt?
Natürlich wird künstliche Intelligenz in den nächsten sechs Monaten nicht jeden Arbeitsplatz vernichten. Aber sie wird zahlreiche Nöte verstärken. Die amerikanische Mittelklasse hat Probleme, die Einkommen stagnieren, die Wirtschaft erholt sich nur langsam von der Rezession, die Ungleichheit wächst und jetzt kommt auch noch die Automatisierung dazu, die in vielerlei Hinsicht zunächst einmal sehr bedrohlich aussieht.

In Ihrem neuen Buch behaupten Sie, dass Technologien unserem Verstand schon heute auf vielen Gebieten überlegen seien. Fürchten sich die Menschen also zurecht?
Sobald wir anfangen, uns als Sklaven der Maschinen zu betrachten, haben wir ein Problem. Maschinen sind dazu da, unsere Welt zu verbessern, sie sollen uns helfen. Das muss aber nicht heißen, dass wir ihnen immer die Befehle erteilen und sie auf jeder Ebene an uns berichten. Wir Menschen machen Fehler, weil wir müde oder emotional werden, weil wir Vorurteile haben. Computermodelle sind dafür weniger anfällig. Wir wissen schon lange, dass datengetriebene Entscheidungen selbst das Urteil von absoluten Experten schlagen, die ersten Studien dazu sind 60 Jahre alt. Mit Big Data, Algorithmen und den inzwischen verfügbaren Daten können wir dieses Wissen nun endlich adäquat umsetzen. Doch Maschinen sind uns auch in vielem weit unterlegen, sie denken in starren Rastern, es mangelt ihnen an fundiertem Wissen über die Welt und gesundem Menschenverstand.

Wie sehr können wir unsere Entscheidungen verbessern, wenn wir künstliche Intelligenz als Ratgeber hinzuziehen?
Schlaue Unternehmer kombinieren menschlichen Verstand mit dem Wissen der Maschinen. Amazon setzt diese Philosophie schon heute sehr erfolgreich um. Der Konzern verzichtet nicht auf Menschen, aber er orientiert sich in der täglichen Arbeit streng an Daten, Algorithmen und der Logik der Maschinen.

Apple-Gründer Steve Jobs, einer der erfolgreichsten Unternehmer aller Zeiten, beriet sich nie mit einer Maschine. Wie erklären Sie seinen Erfolg?
Es gibt intuitive Genies in der Welt, Menschen mit unglaublicher Urteilskraft und unglaublichen Erkenntnissen. So wie Steve Jobs oder der Investor Warren Buffett, der mit seinen Ideen immer wieder den Markt schlägt. Doch die meisten von uns sind nicht so schlau. Wir überschätzen uns gern selbst.

Gilt das auch für Sie?
Ja, sogar nachdem ich drei Bücher darüber geschrieben habe, verkenne ich immer noch, wie rasant sich der Wandel ereignet. Ich hätte 2014, als „Second Machine Age“ erschien, nie geglaubt, dass der weltbeste Champion des chinesischen Strategiespiels Go wenig später Google heißen würde. Ich war mir sicher, es dauert noch ein Jahrzehnt, bis künstliche Intelligenz soweit ist.

Was sollte Wirtschaftslenker motivieren, in Technologien zu investieren, die ihre eigene Autorität untergraben?
Viele werden sich weigern, obwohl die wissenschaftlichen Beweise erdrückend sind. Der niederländische Soziologieprofessor Chris Snijders zum Beispiel fand in einer Studie heraus, dass hoch bezahlte Manager nicht immer die besten Resultate erzielen, sondern viele der Routinefragen wie Budgetberechnungen besser durch Computermodelle ersetzt werden können. Wenn der Wettbewerber dank Maschinenintelligenz immer die besseren Prognosen macht, ist das ein Handicap, von dem sich eine Firma schwer erholt. Sie wird langfristig verschwinden.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman bewies in vielen Experimenten, wie sehr wir uns mit systematischen Denkfehlern selbst das Leben schwermachen. Aber bleibt denn als Alternative nur eine Technokratie, die den Menschen an den Rand drängt?
Ich verstehe, dass manche Menschen das so empfinden. Niemand möchte sich gern einer Maschine unterlegen fühlen, das beunruhigt. Aber eine andere Sache ist noch viel beunruhigender. Wir töten Zehntausende Menschen im Jahr durch medizinische Fehldiagnosen und Behandlungsfehler. Wir haben allein 2016 mehr als 40.000 Menschen in Verkehrsunfällen umgebracht, wir stecken die falschen Leute ins Gefängnis oder lassen gefährliche Leute auf Bewährung frei. Wir reden hier von gesellschaftlich wichtigen Entscheidungen, und wenn die Maschinen sie besser treffen können als wir, sollten wir an sie übergeben. Wenn das einigen menschlichen Entscheidungsträgern ein schlechtes Gefühl gibt, ist mir das egal. Wollen wir, dass der Arzt sich gut fühlt oder der Patient gesund wird? Wenn ich die Frage so formuliere, ist die Antwort sehr klar.

Algorithmen entscheiden weniger neutral, als die Tech-Industrie gern behauptet. Im Gegenteil. Künstliche Intelligenz kann sogar diskriminieren, so wie der Skandal um Googles Foto-App demonstrierte, die 2015 die Aufnahmen eines Afroamerikaners dem Schlagwort “Gorilla” zuordnete.
Ja, absolut, das ist ein Problem. Algorithmen können verzerrte Ergebnisse liefern, wenn sie mit einseitigen Daten trainiert werden. Googlen Sie mal „Wissenschaftler”, dann finden Sie auf der Trefferliste vor allem Bilder weißer Männer. Aber heißt das, Google meint, alle Wissenschaftler sollten weiße Männer sein? Nein. Dennoch wollen wir als Gesellschaft keine derart verzerrten Antworten auf Suchanfragen. Google sollte das berücksichtigen und daran arbeiten.

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„Ich rede schon jetzt mit meinem Wohnzimmer“

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