Buchtipp: „Neuvermessungen“
Sigmar Gabriel und wie er die Welt sieht

Der neue Außenminister Sigmar Gabriel legt sein Manifest vor: Er fordert in seinem Buch „Neuvermessungen“ ein selbstbewussteres Europa und eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischen Idealen.
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Sigmar Gabriel hat ein Buch geschrieben. Das kann jedem Politiker passieren. Man muss verstehen: Es tut einfach gut. Ein Blatt Papier hört geduldig zu und gibt keine Widerworte. Man kann einen Gedanken reifen lassen und ihn Kopf über Hals niederschreiben, ohne dass einem sofort irgendein Eiferer in die Parade fährt. Endlich darf man sich selber lesen, so wie es gemeint ist, nicht wie es eine aufgeregte Öffentlichkeit meint und will. Das sind Momente einer ungewohnten Freiheit. Der Leser spürt es und hat seine Freude daran.

Hier schreibt einer, der im verminten Feld einer großen Koalition seine Aufgaben in Ergebnisse verwandeln konnte. Ihm gelang es, am verblüfften Seniorpartner vorbei, seinen Kandidaten ins Bundespräsidialamt zu bringen. Er hat Freund und Gegner damit überrascht, dass er seiner melancholisierten Partei durch persönliche Selbst-Rücknahme den Hoffnungsträger Martin Schulz bescherte.

Gabriel schreibt nicht am Ende einer diplomatischen Laufbahn, besorgt um seinen Nachruhm und unter dem Motto „Was ich schon immer mal verschweigen wollte“. Er gibt sich zu erkennen als einer, der am Anfang der neuen Herkules-Aufgabe steht: Er muss ein wenig Ordnung schaffen im Haifischbecken der internationalen Beziehungen – oder wenigstens darin überleben. Wie schwierig das ist, gab ihm sein Antrittsbesuch in Israel gerade erst zu denken.

„Neuvermessungen“ ist der Titel. 236 Seiten, die es in sich haben. Gabriel erkundet die politischen Eigenschaften der Welt. Ein schwungvoll essayistischer Einstieg ermöglicht die nötige Thermik. Er schwenkt über den Horizont des noch immer jungen 21. Jahrhunderts mit seinen Widersprüchen. Alte Bündnisse „stehen vor der Bewährungs-, vielleicht Zerreißprobe“. Neue Mitspieler drängen an die Verhandlungstische. Sie bestehen auf Augenhöhe. Rasanter Fortschritt trifft auf antiquierte Strukturen. Das europäische Modell wird bei den „aggressiven Aufsteigern immer mehr als Anmaßung wahrgenommen“.

Hinter den Sonntagsreden über „westliche Werte“ vermutet man „nicht immer zu Unrecht doppelte Standards und verborgene Wirtschaftsinteressen“. Die Globalisierung – anarchisch an den Finanzmärkten wie in den Flüchtlingslagern – erscheint vielen als Naturkatastrophe. Der technische Fortschritt mit Internet und digitaler Revolution führe kollateral in den Überwachungsstaat. Umweltkrise, Terrorismus, „failed states“ in Afrika und Nahost sind erschreckende Gegenwart und waren einmal vermeidbare Zukunft.

Welche Justierung braucht der Westen, wenn sich dessen Führungsmacht in Gestalt von Präsident Donald Trump mit verbalem Getöse von wichtigen Konstanten der vergangenen 70 Jahre zu verabschieden scheint? Ist die EU noch zu retten, wenn in etlichen Mitgliedsländern starke Bewegungen den Rückfall in Nationalismus, Abschottung und ethnische Ressentiments als notwendige „Alternative“ propagieren? Wenn entgrenzter Kapitalismus die Regeln setzen würde? Wenn Entspannungspolitik es wieder einmal mit autokratischen Silberrücken zu tun hat, die jeden Kompromiss als Schwäche deuten? Wenn sich die Scharfmacher aller Lager als einzige einig sind? Nach der bemerkenswerten Annäherung von ganz links an ganz rechts in Frankreich wundert es nicht, dass dieses Kapitel spannend ist.

Gabriel begnügt sich nicht mit einem Lamento, sondern bietet Vorschläge und Ideen an. Die sind allerdings mehr Präambel sind als konkretes To-do: Aufrechter Gang gegenüber dem Großen Bruder im Weißen Haus. Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen sollen im globalen Kontext keine Privilegien mehr sein. Nicht in der moralischen Pose des deutschen Oberlehrers, aber im Bewusstsein deutscher Vergangenheit. Menschenrechte sind kein eurozentrischer Spleen. Welches Menschenrecht soll einem Afrikaner, Afghanen, Chinesen oder Südamerikaner nicht zustehen? Man frage nicht die Henker, sondern die Opfer.

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