Buchtipp: „Patria“ Gesichter des Terrors

Ein packender Roman zeichnet die Geschichte der baskischen Terrororganisation Eta nach – und zieht Parallelen zur Lage in Katalonien.
Update: 15.02.2018 - 10:51 Uhr Kommentieren
Die Terrororganisation ETA hat in ihrem Kampf für die Unabhängigkeit mehr als 800 Menschen getötet. Quelle: dpa
Brandanschlag im Baskenland 2007

Die Terrororganisation ETA hat in ihrem Kampf für die Unabhängigkeit mehr als 800 Menschen getötet.

(Foto: dpa)

MadridGeschichte lebt von Geschichten. Schließlich berühren Erzählungen weit mehr als Zahlen, Daten, Fakten. Und zu jeder guten Geschichte braucht es ein Gesicht. Der in Deutschland lebende baskische Autor Fernando Aramburu hat sich ein gewaltiges Geschichtskapitel vorgenommen und ihm gleich mehrere Gesichter gegeben. Er hat den Konflikt im Baskenland rund um die Terrororganisation Eta literarisch packend verarbeitet – in einem Roman. Protagonisten dieses aus hundert Einzelkapiteln verwobenen Erzählwerks sind zwei baskische Familien in einem fiktiven Dorf nahe der Küstenstadt San Sebastián.

Die eine Familie ist Opfer des Terrors, die andere Täter. Dabei waren sie ursprünglich mal beste Freunde. Die beiden Frauen, Bittori und Miren, treffen sich täglich im Café und erzählen sich alles. Ihre Männer, Txato und Joxian, gehen zusammen in den Kochklub und legen jeden Samstag ihre Etappen mit dem Rennrad zurück. Die Kinder wachsen zusammen auf.

Doch der bewaffnete Kampf treibt die Familien auseinander. Der Unternehmer Txato wird zunächst in Wandschmierereien als Spitzel beschimpft. Der Gruppendruck im Dorf ist so groß, dass Joxian und Miren den Kontakt zu den Freunden abbrechen. Es sind die Opfer, nicht die Täter, die das Kollektiv verstößt. Nur ganz allmählich ragen kleine Risse in das Gewebe aus Verdrängen und Schweigen.

Fernando Aramburu: Patria
Rowohlt Verlag
Reinbek bei Hamburg 2018
768 Seiten
25 Euro
ISBN: 978-8490663196

Der Roman gehörte zu den meistverkauften Büchern in Spanien, als er dort 2016 zuerst erschien. „Es wurde Zeit, dass dieses Buch geschrieben wurde“, lobt einer der begeisterten Kritiker. Gemeint ist die bis heute schwierige Aufarbeitung des baskischen Terrors in Spanien. Mehr als 800 Menschen hat die Eta in ihrem Kampf für ein unabhängiges Baskenland getötet, etwa 4.000 Anschläge verübt. Obwohl seit 2011 die Waffen offiziell schweigen, bestehen einstige Gräben vielerorts fort.

Aramburu kam 1959 in San Sebastián zur Welt. „Ich war genauso wie andere junge Basken meines Alter der Doktrin ausgesetzt, dem Gruppenzwang“, sagt er in einem Interview. Wieso hat er sich nicht der Eta angeschlossen? „Vielleicht weil ich in einer Stadt groß geworden bin, wo die Kontrolle über die Leute deutlich geringer ist als auf dem Dorf, wo du ohne Freunde bleibst.“ Der Schriftsteller, der seit 1984 in Hannover lebt, zeichnet in „Patria“ ein Psychogramm der Akteure beider Seiten und zeigt sehr nachvollziehbar, wie sich eine Gesellschaft und einzelne Familien vom nationalistischen Fanatismus spalten lassen.

Das ist auch eine Parallele zur aktuellen Lage in Katalonien, das ebenso wie einst das Baskenland für einen eigenen Staat kämpft. Zwar ist die Maxime der katalanischen Separatisten der friedliche Protest. Doch die Unabhängigkeitsbestrebungen entzweien auch ohne Attentate Familien, Kollegen und Freunde.

Der Roman erhielt die hochdekorierten Literaturpreise „Premio Nacional de Narrativa“ und „Premio de la Crítica“. Wohl auch, weil er es schafft, in heikelster Angelegenheit nicht anzuklagen oder zu verurteilen. Dem deutschen Leser ermöglicht Aramburu, tief in das spanische Leben des Post-Franco-Zeitalters einzutauchen und die gravierenden Folgen zu verstehen, die Nationalismus verursachen kann – auch außerhalb des Baskenlands oder Kataloniens.

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