Buchtipp: „Rückkehr nach Lemberg“ Ein jüdischer Menschenrechtsanwalt auf familiärer Spurensuche

Der britische Jurist Philippe Sands ist in seinem Buch „Rückkehr nach Lemberg“ zu den Wurzeln seiner Familie und seiner Profession zurückgekehrt.
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Allein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wechselte die Zugehörigkeit der Stadt achtmal. Heute gehört Lemberg zur Ukraine und heißt Lwiw. Quelle: dpa
Stadtansicht von Lemberg

Allein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wechselte die Zugehörigkeit der Stadt achtmal. Heute gehört Lemberg zur Ukraine und heißt Lwiw.

(Foto: dpa)

DüsseldorfNürnberg 1946. Im Gerichtssaal 600 stehen zum ersten Mal in der Geschichte die Führer eines Landes für ihre unvorstellbaren Gräueltaten vor einem internationalen Gericht. Auch Adolf Hitlers mächtigster Vasall im besetzten Polen, Hans Frank, sitzt auf der Anklagebank. Die Richter werden ihn zum Tod durch den Strang verurteilen und begründen dies mit einem neuen Straftatbestand: dem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

68 Jahre später sitzt der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands mit Franks Sohn Niklas im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse. Als dieser sich von seinem Vater verabschiedet hatte, war er gerade einmal sieben Jahre alt gewesen.

Sein Vater sei Jurist gewesen, urteilt der erwachsene Sohn heute, habe genau gewusst, was geschehen sei. Rechtsanwalt Hans Frank, Herrscher über das Nazi-Schreckensregime in Polen, hatte nichts Rechtswidriges darin erkennen wollen, Millionen Menschen umbringen zu lassen.

Philippe Sands:
Die Rückkehr nach Lemberg
S. Fischer
Frankfurt am Main 2018
592 Seiten
26 Euro
ISBN: 978-3103973020

Wohlüberlegt stellt Sands die beiden Szenen seinem aktuellen Buch voran. Sands’ jüdische Familie stammt aus Lemberg, dem heutigen Lwiw, das im Westen der Ukraine liegt. Sands’ „Rückkehr nach Lemberg“ nimmt den Leser mit auf eine spannende Spurensuche des Autors, um die eigene, von den Großeltern verschwiegene Familiengeschichte aufzudecken. Akribisch recherchierte Fakten reihen sich aneinander, sieben Jahre begab sich der Menschenrechtsanwalt immer wieder auf Reisen, durchwühlte Archive, sprach mit Zeitzeugen.

Auch das Rätsel um Miss E. M. Tilney wird gelöst, deren Namen der Großvater einst auf einen Zettel notiert hatte. Sie hatte christliche Nächstenliebe gelebt und verfolgten Juden das Leben gerettet – auch dem kleinen Mädchen Ruth, das später Philippe Sands’ Mutter werden sollte.

Persönliche und juristische Recherchewege des Autors kreuzen sich alle in Lemberg. So haben neben Sands’ Großeltern zwei weitere Hauptakteure des Buchs in der Stadt gelebt: die Juristen Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, Erfinder der Straftatbestände „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“, die beide erstmals in den Nürnberger Prozessen zum Tragen kamen.

Einst markierte die heute in der Ukraine gelegene Stadt die östlichste Ecke des Habsburger Reiches in der Region Galizien, dann war sie westlichste Provinz Russlands, gehörte abwechselnd zur Ukraine, zu Polen, zu Russland, zu Deutschland und dann wieder zu Russland – allein in den Jahren 1914 bis 1945 wechselte die Herrschaft über die Stadt achtmal. Das oft zitierte „blutgetränkte Land“ umgibt die Stadt Lemberg, die zur Wiege der Menschenrechte werden sollte.

„Nicht die Gestorbenen sind es, die uns heimsuchen, sondern die Lücken, die aufgrund von Geheimnissen anderer in uns zurückgeblieben sind“, zitiert Sands in seinem Buch den Psychoanalytiker Nicolas Abraham. Genau das hat Sands motiviert, sein Buch zu vollenden, und zwar mit einer Materialdichte, die einem guten Krimi in nichts nachsteht. Ein fesselndes, wichtiges Buch – nicht nur für Juristen.

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