Thomas Dekker – Unter Profis: Berauscht in einer Tour

Buchtipp: Unter Profis
Berauscht in einer Tour

Seit jeher bestimmen wirtschaftliche Interessen das Schicksal der Tour de France. „Doping ist Business“, heißt es denn auch in der schonungslosen und exzessgeladenen Biografie des früheren Radprofis Thomas Dekker.
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DüsseldorfUnerschwingliche Höhen. Unbeschreibliche Abgründe. Unmenschliche Leistungen. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich die Tour de France auch 2017, in ihrem 115. Jahr, bewegt. Der Kontrast zwischen der Schönheit erhabener Pyrenäenpässe und den schmerzverzerrten Gesichtern jener, die sich dort hinaufquälen, gehört ebenso dazu wie der Raum für Spekulationen und Legenden, der sich aus den Gegensätzen ergibt.

Gleichzeitig ist der Mythos der Tour ohne die wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund nicht zu verstehen.

Doping als Business

Das zeigt sich auf banalste Weise beim Thema Doping: „Doping ist Business“, heißt es dazu in der Biografie des früheren niederländischen Radprofis Thomas Dekker, die gerade auf Deutsch erschienen ist. Dekker, Jahrgang 1984, fährt als Jungprofi Siege so mühelos ein, dass er schon mit Anfang 20 als der lang herbeigesehnte künftige niederländische Tour-Sieger gilt.

Selbstherrlichkeit und maßloser Ehrgeiz ergänzen sein außergewöhnliches Talent, bald ist er süchtig nach Siegen – und ordnet alles dem Traum vom Millionengehalt unter. Wozu bräuchte er einen Schulabschluss? Und warum das Rennen aufgeben, nur weil er stürzt und sich fünf Zähne ausschlägt?

Vielleicht überrascht es nicht, dass Dekker, dessen Mutter Bademeisterin und dessen Vater Gepäckträger am Amsterdamer Flughafen ist, anfällig war für Doping. Auch haben schon andere Radsportidole ihre Sünden in Büchern gebeichtet. Doch Dekkers schonungslose Darstellung seiner Zeit beim niederländischen Team Rabobank liest sich wie ein Krimi und ist außergewöhnlich.

Teambuilding im Bordell

Die Welt, die Dekker und sein Co-Autor, Radsportkenner Thijs Zonneveld, schildern, ist extrem erfolgsorientiert und exzessgeladen, irgendwo zwischen Gruselkabinett und „Wolf of Wallstreet“ zu verorten.

Da trainiert die von der niederländischen Vorzeigebank finanzierte Radsportelite bis zur Besinnungslosigkeit, versackt aber nach Etappensiegen beim Saufgelage, marschiert zum Teambuilding ins Bordell, fährt Porsche – und verspritzt vor wichtigen Rennen beim Hantieren mit der Spritze an den Adern das eigene Blut im Hotelbad.

Eindrücklich offenbart sich die Geschäftsmäßigkeit, mit der betrogen wird, wenn sich Dekker das erste Mal vom spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes Blut in einem Hotelzimmer abzapfen lässt. Er ist da 21 Jahre alt und wird zur Nummer: 24. Das gut inszenierte Drama muss in der Katastrophe münden – körperlicher Burn-out, zerstörter Kindheitstraum und Dopingsperre inklusive.

„Unter Profis“ wirbt nicht um Verständnis, es ist kein Buch der Reue, und doch tut sich darin ein Lichtblick auf: Denn Dekker, der nach seiner Sperre 2011 ein Comeback versuchte, schildert auch das Misstrauen und die Extraauflagen, die ihn als Ex-Doper trafen. Und wie neue, ernsthafte Kollegen jetzt auch ohne Doping siegen.

Seite 1:

Berauscht in einer Tour

Seite 2:

„Der Schweiß der Götter“

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