Buchtipp: Unter Profis
Berauscht in einer Tour

  • 0

„Der Schweiß der Götter“

Wer nun meint, Gier und Profitabsichten hätten den Radsport erst in der jüngeren Zeitgeschichte „versaut“, dem sei „Der Schweiß der Götter“ des Soziologen Benjo Maso empfohlen. Diese fulminante, facettenreiche Analyse zeigt auf, wie wirtschaftliche Interessen den Profiradsport überhaupt erst haben entstehen lassen, allen voran die Tour de France.

Schöpfer der Tour war der Journalist Henri Desgrange, der 1903 mit einer Etappenrundfahrt durch Frankreich die Auflage seiner Zeitung steigern wollte. Der frühere Bahnfahrer kalkulierte mit der Unterstützung von Fahrradkonstrukteuren wie Peugeot oder Reifenherstellern wie Dunlop. Die wiederum begnügten sich nicht damit, Fahrer auszustatten und Anzeigen mit Lobpreisungen ihrer Produkte zu schalten, sondern manipulierten von Beginn an, wie Maso anhand vieler Anekdoten aufzeigt.

Legendenbildung von Beginn an

Der Autor enttarnt auch manch glorreichen Triumph vermeintlicher „Helden“ als Legende.

Die übrigens dopten damals legal: 1930 sicherte ihnen die Organisation vertraglich zu, für die medizinische Versorgung aufzukommen, hingegen seien die Kosten für „stimulierende und stärkende Mittel“ selbst zu tragen. Damit war nicht der Rotwein gemeint, den alle tranken.

Überhaupt, die Fahrer. Anfangs waren es viele Arbeiter oder Bauern, die sich, Siegprämien und ein besseres Leben vor Augen, motivieren ließen, Hunderte Kilometer auf holprigen Wegen mit einem klobigen Zweirad zurückzulegen. Dabei mussten sie zeitweise die Reparaturen selbst verrichten, bei Gabelbruch etwa zum Schmiedehammer greifen. Das waren Spektakel im Sinne der Organisation. Denn nur Geschichten von Leidenschaft und Leiden sicherten die Aufmerksamkeit der Medien – die dann so groß wurde, dass 1954, lange vor der Trikotwerbung im Fußball, „Nivea“ den Schriftzug auf Trikots drucken ließ.

Ein Stück Technologiegeschichte

Der Mythos Radsport ist schließlich, 200 Jahre nach Erfindung des Fahrrads, nicht zu erklären ohne die Faszination für die Technik und den Wettbewerb der Konstrukteure, wie es höchst eindrucksvoll die Biografie Tullio Campagnolos und seines Unternehmens zeigt: Der Italiener, selbst Radrennfahrer, hatte 1927 die Idee für die Schnellspannachse und das noch heute gebräuchliche Prinzip der Kettenschaltung. Campagnolo entschied sich dann für das Tüfteln, ließ seinem ersten Patent 184 weitere folgen.

Er war ein leidenschaftlicher Konstrukteur und genialer Geschäftsmann, dessen Name bis heute für höchste Qualität und feinstes italienisches Design steht. Dabei blieb er dem Sport zeitlebens verbunden, stand oft an der Rennstrecke und zeigte sich in Nähe von Legenden wie Fausto Coppi und Eddy Merckx, die mit seinen Komponenten am Rad siegten. Und so ist die mit vielen historischen Fotos und Abbildungen versehene Firmengeschichte der Kultmarke „Campa“ auch ein Abbild europäischer Technologiegeschichte.

Seite 1:

Berauscht in einer Tour

Seite 2:

„Der Schweiß der Götter“

Kommentare zu " Buchtipp: Unter Profis: Berauscht in einer Tour"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%