Buchtipps zur Türkei
Das Land am Bosporus verstehen

Wer die Entwicklungen in der Türkei, dem einstigen Traumurlaubsland der Deutschen, verstehen will, kann auf ein großes Bücherangebot zurückgreifen. Redakteur Ozan Demircan gibt einen Überblick über die Neuerscheinungen.
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IstanbulEr sieht sich als Archetyp deutsch-türkischer Freundschaft – der Autor Hasan Çobanlı. Seine Mutter: Urenkelin eines deutschen Grafen. Der Vater: Spross einer türkischen Generalsfamilie, der gleich mit mehreren deutschen Kaisern Freundschaftsverträge aushandelte. „Freunde, Waffenbrüder, Tradition“. Mit diesen Schlagworten beschreibt Çobanlı seinen Stammbaum.

Das sind wohl kaum die Stichworte, die die Mehrheit der Deutschen wählen würde, um die derzeitige deutsch-türkische Freundschaft zu beschreiben. Viel eher fallen Worte wie „Nazivergleiche, Reisehinweise, Misstrauen“. Viele Deutsche äußern sich erstaunt darüber, dass sie ihr einstiges Lieblingsreiseland, die Türkei, kaum wieder erkennen.

Türkei sollte Modellstaat werden

So herrscht Erklärungsbedarf. Anlässlich der diesjährigen Buchmesse haben sich dem gleich mehrere Autoren angenommen – Hasan Çobanlı ist einer von ihnen. In seinem und anderen Sachbüchern wird versucht, die tiefe gesellschaftliche Spaltung der Türkei zu erklären – Nationalisten, Islamisten, Kurden, Liberale. Leider dominiert in der Literatur eine äußerst subjektive Sichtweise, die den Leser bei seiner Suche nach Erklärungen nicht weiter bringt.

Im Mittelpunkt vieler Bücher steht einer: Recep Tayyip Erdoğan. Der Mann, dessen politische Karriere unter den nationalistischen Islamkräften in der Studentenpolitik der 1970er Jahre begonnen hat. Eine turbulente und prägende Zeit für den Sohn erzkonservativer Eltern aus dem Arbeitermilieu: Linke und rechte Gruppen bekämpften sich blutig im ganzen Land. Dabei wurde der politische Islam – wohl eher unbeabsichtigt – von den neoliberalen ökonomischen Maßnahmen nach dem 1980 erfolgten Militärputsch unterstützt. Fast unbemerkt stieg Erdoğan durch die Reihen der Politik auf. 2003 gelang ihm bei den Wahlen ein Erdrutschsieg.

Hier beginnt das Buch von Soner Çağaptay. In „The new Sultan: Erdogan and the crisis of modern Turkey“ nimmt der Politikwissenschaftler eine wohltuend objektivere Haltung ein, als es die Titelschlagworte zunächst vermuten lassen. Nüchtern erinnert er an die frühen Jahre der AKP, in denen viele Optimisten, zu denen sich auch der Autor zählt, die Verpflichtung gegenüber dem EU-Beitrittsangebot der Türkei betonten und sich gleichzeitig dafür einsetzten, den politischen Einfluss des Militärs, der „säkularen Elite“, zu schmälern. Çağaptay führt aus, dass damalige Führungsfiguren der Partei vor allem Mitte-Rechts-Politiker waren, die von Liberalen unterstützt wurden. Viele von ihnen hofften darauf, dass sich die Türkei zum Modellstaat für den Nahen Osten entwickeln würde.

Immer nur die Sicht des Westens

Doch es kam anders. Dem Autoren und Leiter der Forschungsprogramms Türkei am Washingtoner Institut für Nahoststudien gelingt es zumindest in Konturen, die vielen Wendungen von Erdoğans Zeit im Amt zu beschreiben. Dazu zählt auch Erdoğans zunächst enges Bündnis und schließlich radikaler Bruch mit dem Netzwerk des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft für den Putschversuch im vergangenen Jahr verantwortlich gemacht wird. Çağaptay geht dabei mit beiden Seiten hart ins Gericht und beschreibt ihren Zusammenstoß als „rohen Machtkampf“. Der Autor bleibt analytisch und verfällt nicht der selbstgerechten Rhetorik beider Seiten.

Der Politikwissenschaftler kommt zu dem Fazit, dass Erdoğan bislang jeden kurzfristigen Rückschlag dafür nutzen konnte, seine Macht langfristig zu festigen. Dazu zähle auch der Bruch mit Gülen, der zwischenzeitlich weite Teile des türkischen Staatsapparats infiltriert hatte. Erdoğans Selbstdarstellung als Opfer steigere dabei nur seine Popularität. „Erdoğans größte Stärke als Politiker und größte Schwäche als Bürger ist, dass er sich trotz seiner Kontrolle über das Land so fühlt, als sei er immer noch ein Außenseiter.“

Und heute? Der türkische Ministerpräsident habe in seinem politischen Wirken einen Punkt erreicht, an dem jedes unglückliche Ereignis als die Arbeit dunkler Kräfte gebrandmarkt werde, beschreibt Çağaptay. Der Autor weiß, wie Erdoğan in diesem Zusammenhang mit der Opposition spielt und beschreibt, wie heute „die Kluft zwischen verschiedenen Gruppen in der türkischen Opposition breiter sein kann als die Lücken zwischen Erdoğan und seinen direkten Gegnern“. Der Präsident selbst habe diese Spaltungen geschickt ausgenutzt und verschärft. Das Buch liefert demnach auch eine kraftvolle Antwort auf die Frage, warum es bislang keiner Oppositionsgruppierung gelungen ist, sich Erdoğan entgegen zu stellen.

Verachtung für die "schwarzen Türken"

Weniger neutral in seiner Perspektive ist dagegen das Buch „Erdoğanistan“ von Hasan Çobanlı. Das erklärt sich bereits aus der persönlichen Geschichte des Autors, der seit Erdoğans Aufstieg zur Zielscheibe geworden ist. Für Çobanlı ist der säkulare Staatsgründer Atatürk ein „väterlicher Popstar“, nicht zuletzt aber vor allem „Co-Kommandant meines Großvaters“. Die anderen? Das sind die schwarzen Türken: Aus Sicht Çobanlıs sind das Ungebildete aus Anatolien, die kaum etwas haben als ihre Religion. Und die sind jetzt an der Macht.

Dass Çobanlı die „schwarzen Türken“ allgemein verachtet, zeigt sich auch an seiner Charakterisierung des klassischen AKP-Wählers: „So erkennt man den religiös-konservativen, chauvinistischen Türken egal welchen Alters auch an seinen Verhaltensweisen im Alltag – etwa daran, wie er eine Kellnerin nicht ansieht, während er Essen und Trinken ordert. . . an seinem rücksichtslosen Fahrstil . . . ja schon daran, dass er besonders breitbeinig im Caféhaus sitzt.“

Das dürfte wohl kaum auf alle AKP-Wähler zutreffen, spiegelt aber besonders deutlich die tiefe Abneigung des Autors wieder. Es zeigt sich: Für die Spaltung der Gesellschaft, die der AKP so oft vorgeworfen wird, sind beide Seiten gleichermaßen verantwortlich. Mit Pamphleten wie dem von Çobanlı wird die Vorstellung des gesellschaftlichen Lagerdenkens in der Türkei beim deutschsprachigen Leser eher noch verstärkt.

Dabei ist der Autor in der deutschen Medienszene kein Unbekannter. Der Journalist hat für nahezu alle größeren Verlagshäuser im Land gearbeitet und sorgte mit seinem Roman „Der halbe Mond“, einer hundertjährige Familiensaga, für Gesprächsstoff in den Feuilletons. In seinem Sachbuch „Erdoğanistan“ spannt er leider den Bogen nicht sehr weit – der Titel gibt die Marschrichtung vor.
Ganz ähnlich fallen die Betrachtungen im Buch „Krisenstaat Türkei“ aus. Autor ist Hasnain Kazim, Spiegel-Online-Redakteur, der mehrere Jahre als Türkeikorrespondent des Nachrichtenmagazins gearbeitet hat.
Zwar verspricht das Buch einen Blick hinter die Kulissen, kommt aber eher wie eine Aneinanderreihung bisher veröffentlichter Artikel rüber. Selten gibt es eine Einordnung, die sich von der alltäglichen Berichterstattung über das Land abhebt. Schreibt Kazim etwa, dass ihm schnell klar geworden sei, dass Staatschef Erdoğan einen „Gegenentwurf zu Atatürk“ plane, bleiben viele Fragen offen. Erdoğans Aufstieg vom Hafenjungen zum mächtigsten Mann des Landes sei eindrucksvoll, doch er hätte die „Position nutzen können, die Türkei weiter zu demokratisieren“, schreibt Kazim. Das muss nicht falsch sein. Die These wird allerdings nicht eingeordnet. es mangelt wie an vielen anderen Stellen an Analyse und Tiefgang.

Immer aus der Sicht des Westens

Zumindest in der deutschsprachigen Literatur wird die Türkei fast immer aus Sicht des Westens beschrieben. Das ist verständlich, aber auch einfach. Der ewige innertürkische Konflikt zwischen Säkularen und Konservativen wird dabei eher befeuert als erklärt, wenn etwa Hasan Çobanlı schreibt: „Jetzt hat sich (…) Erdoğanistan etabliert, der Staat, der sich anmaßt, den Bürgern ihre Bedürfnisse zu diktieren.“
Beide deutschsprachigen Autoren scheitern an dem Perspektivwechsel, der bei der Lektüre des Buches von Çağaptay das Gefühl vermittelt, das Phänomen Erdoğan und die Folgen seiner Politik endlich einmal aus einer neutralen Perspektive erklärt zu bekommen.

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  • Vielen Dank für diesen Artikel, Herr Demircan :)

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