Bücher über die Mafia
Das Erbe der Paten

Seit dem Mord an sechs Italienern vor einer Duisburger Pizzeria 2007 hat die Mafia auch hierzulande Konjunktur - vor allem auf dem Buchmarkt: Neben weiteren Erzählungen des „Gomorrha“-Autors Roberto Saviano sind zwischenzeitlich auch Werke von deutschen Autoren zum Thema erschienen. Einer von ihnen, Jürgen Roth, kritisiert dabei die Verharmlosung des Mafia-Problems in Deutschland.

DÜSSELDORF. Die Mafia – das ist der nuschelnde Pate Don Vito Corleone („Ich werde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann“), unsterblich durch Marlon Brando in Coppolas Film aus den 70ern. Die Mafia – das ist weit weg und Stoff zum schönen Schaudern für die Reise nach Sizilien. Seit Roberto Savianos Bestseller „Gomorrha“ sind die Deutschen außerdem auch bestens über die kriminellen Machenschaften des neapolitanischen Ablegers der Mafia, der Camorra, im Bilde. Doch die Mafia in Deutschland?

Im August 2007 verschreckt ein brutaler Mord die Deutschen und zerstört das bequeme Stereotyp über die ehrenwerte Gesellschaft weit weg in Süditalien. Sechs junge Männer liegen in Duisburg vor der Pizzeria „Da Bruno“ auf der Straße, erschossen, mit einem Tuch zugedeckt. Es sind Italiener, die Opfer einer nächtlichen Hinrichtungsaktion, mitten in der Stadt, gleich beim Bahnhof. Am nächsten Tag klärt die Polizei auf: Das war Blutrache, eine Familienfehde zweier Clans aus Kalabrien, aus dem Bergnest San Luca. Die Mörder gehören zur ’Ndrangheta, dem kalabresischen Zweig der Mafia.

Es ist makaber, aber seit den Schüssen von Duisburg hat das Thema Mafia in Deutschland Konjunktur – vor allem auf dem Buchmarkt. Immer mehr Experten melden sich zu Wort, jede Woche erscheinen neue Bücher. So setzt der Hanser-Verlag auf die Magnetwirkung des Namens Roberto Saviano und veröffentlicht zwei kurze Erzählungen von 2007, die zwar nicht direkt mit der Mafia zu tun haben, aber eindringlich das soziale Ambiente schildern, in dem die „ehrenwerte Gesellschaft“ zur Normalität gehört. Der Blick in die Bestsellerlisten zeigt, dass sich – wieder – ein großes Publikum für das Thema Mafia interessiert. Wer sind die Drahtzieher der Mafia, Camorra und der ’Ndrangheta, was machen die Mafiosi in Deutschland, wie groß ist ihr Einfluss?

Jürgen Roth warnt unter allen Autoren am lautesten. In seinem soeben erschienenen Buch „Mafialand Deutschland“ geißelt er die „schon unheimliche Verharmlosung des Problems Mafia“ in Deutschland. Dabei sei sie längst in der Bundesrepublik etabliert, nicht nur die italienische, auch die russische. Dem stimmt Leoluca Orlando zu, der ehemalige Bürgermeister von Palermo: „Es war bequem zu denken, das Problem der Mafia betreffe andere Welten, aber sicher nicht die deutsche.“ Seit Jahren sei Deutschland „Sehnsuchtsort“ für illegales Kapital, schreibt Orlando, „seit Jahren ist illegales Kapital in der deutschen Wirtschaft aktiv, und zwar dank ganz unverdächtiger Persönlichkeiten, die bei den Banken und an der Börse ein und aus gehen“.

Orlando stellt diese Erkenntnis an das Ende seines zusammen mit dem Wissenschaftsjournalisten Pippo Battaglia geschriebenen Interview-Buches. Er will nicht anklagen, sondern den deutschen Lesern vermitteln, was die Mafia ist, wie sie Sizilien seit Jahrzehnten prägt und wie sie sich zur „White collar“-Organisation verwandelt hat, die nach den spektakulären Verhaftungen der vergangenen Jahre nun wieder im Stillen operiert – und das international. Die Perspektive des unmittelbar Betroffenen – Orlando lebt noch heute unter Polizeischutz – macht das Buch zur interessanten Lektüre.

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