Bücherherbst
Wie kam der Westen in meinen Kopf?

Nirgendwo steht geschrieben, dass es Autoren ihren Lesern leicht machen müssen. Mit Sprachspielen und Strukturexperimenten verlangen die Bücher dieses Herbstes den Lesern einiges ab. Ingo Schulze zum Beispiel haut uns mit seinem Roman "Neue Leben" 750 Seiten um die Ohren.

HB DÜSSELDORF. Kirsten Fuchs experimentiert in ihrem Debüt "Die Titanic und Herr Berg" gar mit extremen Sprachspielen. Und der japanische Nobelpreisträger Kenzaburo Oe legt in "Tagame" einen autobiografischen Schlüsselroman vor, der Nichtexperten einige Rätsel aufgibt.

Auch Nicole Krauss' "Geschichte der Liebe" - eines der anrührendsten Bücher des Herbstes - macht dem Leser mit ständigem Perspektivwechsel zu schaffen. Krauss' Hauptfigur heißt Leo Gursky und ist ein verschrobener alter Mann, der in New York lebt. Einer, der sich längst daran gewöhnt hat, dass die Welt ihn übersieht. Doch als er jung war, hat er seiner ersten großen Liebe Alma im polnischen Slonim ein Denkmal gesetzt und das Buch "Die Geschichte der Liebe" für sie geschrieben.

Nicole Krauss erzählt in ihrem gleichnamigen Roman die Geschichte dieses Manuskripts, das der polnische Jude Gursky bei seiner Flucht vor den Nazis zurücklassen musste. Manchmal baut die 31-jährige Amerikanerin den Schrecken des Holocausts zwar allzu versiert in ihren Roman ein. Dennoch ist ihr Buch eine kunstvoll geknüpfte Hommage an das Leben und an die Literatur, die beide jeden Tag aufs Neue wundersame, traurige und komische Geschichten parat halten. Denn selbst wenn sich Leo Gursky manchmal so fühlt, als habe er Glasknochen, die ihn für andere unsichtbar machen, gibt er nie auf.

Von der Zerbrechlichkeit des Menschen erzählt auch Kenzaburo Oe in seinem Buch "Tagame Berlin - Tokyo". Sein Roman über den Schriftsteller Kogito und den begnadeten Filmregisseur Gorô ist ein Schlüsselroman, in dem sich Oe mit dem Selbstmord seines Freundes Juzo Itami auseinander setzt.

Endlos lang ist der Einstieg ins Buch, in dem Kogito Tonkassetten seines verstorbenen Freundes anhört und Zwiesprache mit diesem hält. Kenzaburo Oe, das heißt, sein Alter Ego Kogito, fährt sogar nach Berlin, um auf der Berlinale neue Erkenntnisse über Gorôs Selbstmord zu finden.

Wer sich darauf einlässt, wie Oe kunstfertig und mit vielen Anspielungen auf Literatur, Kunst und Kultur die Fäden spinnt, lernt viel über die japanische Nachkriegsgeschichte. Und plötzlich bricht auch die Gewalt in das Buch ein: Kogito und Gorô werden bedroht, überfallen und verletzt. So wird Oes Roman zu einem eindrucksvollen Buch über die Bedrohung von Kunst und Kultur.

Berlin ist auch Schauplatz für die junge deutsche Autorin Kirsten Fuchs. Sie hat einen herzerfrischend deftigen Roman über die sexuelle Obsession zwischen einer Berliner Müßiggängerin und einem Sachbearbeiter des Kreuzberger Sozialamts geschrieben. In dem Buch "Die Titanic und Herr Berg" baut sich die Hauptfigur Tanja eine Phantasiewelt zurecht, um mit ihren Schwierigkeiten fertig zu werden.

In diese Welt hinein will sie Peter ziehen, der zunächst von ihrer sexuellen Anziehungskraft fasziniert ist. Kirsten Fuchs ist sicher die grandioseste Wortspielerin der jungen deutschen Literatur. Auch wenn sie ihre Sprachkraft in ihrem Debüt vor allem nutzt, um Wörter für Sex zu finden. Doch wer sich von den Sexszenen nicht abschrecken lässt, kann einen der phantasievollsten Romane dieses Herbstes entdecken.

Ingo Schulzes gewichtiger Roman "Neue Leben" dagegen spaltet derzeit die Kritiker, die lange auf den Nachfolger seiner grandiosen "Simple Storys" hatten warten müssen. Sein Briefroman, an dem der ostdeutsche Autor sieben Jahre arbeitete, ist eine der wichtigsten Neuerscheinungen zur Buchmesse. Enrico Türmer, die Hauptfigur, berichtet in Briefen an Freunde und die Schwester Vera von seinem Werdegang in der DDR und dem Leben nach der Wende.

Dabei ist die Struktur des Briefromans gleich mehrfach gebrochen. Autor Schulze fungiert als Herausgeber der Briefe und versieht sie mit Fußnoten. Die letzten 150 Seiten dokumentieren dann einige Schreibversuche von Enrico Türmer.

Denn der von sich selbst überzeugte Junge will zunächst Schriftsteller werden, den großen kritischen Roman schreiben und dann von der BRD freigekauft werden. Das funktioniert nicht, weil der Zusammenbruch der DDR dazwischenkommt. Türmer schwört der Kunst ab und wird Journalist und Herausgeber einer Zeitung.

Hervorragend getroffen ist die Figur des windigen Unternehmensberater Clemens von Barrista, der für den Einbruch des Kapitalismus steht und den verhinderten Schriftsteller Enrico Türmer sinnieren lässt: "Die neue Literatur, sollte es überhaupt so etwas geben, wird eine Literatur der Arbeit sein, des Geschäftemachens, des Geldes. Schau' Dich um! Die im Westen tun nichts anderes als arbeiten. Uns ergeht es nicht anders."

Der Roman enthält viel Autobiografisches und wunderbare Beschreibungen aus dem DDR-Alltag und dem Chaos der Wendezeit. Im Grunde geht es nur um eines, wie Ingo Schulze schreibt: "Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf? Und was hat er da angerichtet?" Darüber zerbrechen sich 15 Jahre nach der Wiedervereinigung viele den Kopf. Lesen kann zumindest helfen, die richtigen Fragen übers Leben zu formulieren.

Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe. Rowohlt Verlag, Berlin 2005 352 Seiten, 19,90 Euro.

Kirsten Fuchs: Die Titanic und Herr Berg. Rowohlt Verlag, Berlin 2005, 288 Seiten, 18,90 Euro.

Ingo Schulze: Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers, Berlin Verlag 2005, 752 Seiten, 22 Euro.

Kenzaburo Oe: Tagame Berlin - Tokyo. S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro.

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