Bürgermeister Bloomberg genehmigte Projekt nach 26 Jahren: Warmer Regen für New York

Bürgermeister Bloomberg genehmigte Projekt nach 26 Jahren
Warmer Regen für New York

Mit einem schweren Schraubenschlüssel zieht Ann Richards die beiden Muttern rechts und links der safranfarbenen, fast fünf Meter hohen Torstangen fest. „Das ist schwere Arbeit“, sagt die 71-jährige ehemalige Gouverneurin des US-Bundesstaates Texas. Seit sieben Uhr früh ist sie mit ihren sechs Kollegen an diesem milden Februarmorgen auf den Beinen, um den Central Park in New York in eine riesige Kunstbühne zu verwandeln.

NEW YORK. Bis zum Samstag wollen die insgesamt etwa 700 Kunst-Helfer 7 500 Tore auf einer Länge von 37 Kilometern entlang der serpentinenartigen Fußwege im Park errichten.

Wenn das Wetter mitspielt, wird dann der Verpackungskünstler Christo zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude sein neues Groß-Kunstwerk enthüllen: mit einem langen Haken werden die Helfer an jedem Tor ein gigantisches safranfarbenes Vinyl-Segel entrollen. Daraus, so hoffen die beiden Künstler, ergibt sich dann „ein von der tiefstehenden Februarsonne golden erleuchteter Fluss“ zwischen den Bäumen des Parks mitten im Häusermeer Manhattans.

„Ist das nicht phantastisch“, sagt Antonio Sanchez. Der etwa 60-jährige New Yorker beobachtet die Christo-Helfer seit einigen Tagen jeden Morgen. „Ich liebe diesen Park wie mein Zuhause. Christo verzaubert ihn jetzt für 16 Tage“, sagt der Mann mit der Wollmütze auf dem Kopf. Während Sanchez die detaillierte Planung und den Einsatz der Helfer bewundert, ist Ex-Gouverneurin Richards von der künstlerischen Idee begeistert. „Ich bin extra aus Texas angereist, um dabei zu sein. Die Idee, auf diese Weise Menschen zusammen zu bringen, ist einfach wunderbar“, schwärmt die grauhaarige Frau in ihrer grauen Handwerksmontur.

Nicht alle New Yorker sind begeistert. „Wie lange bleibt das Zeug hier stehen“, ruft eine junge Joggerin im Vorbeilaufen. „Nur zwei Wochen, das ist gut.“ Die Lokalpostille „New York Post“ brandmarkte das Kunstspektakel als „Geldverschwendung zwei übergeschnappter Franzosen“. Dass Christo in Bulgarien geboren wurde und mit seiner Frau seit 40 Jahren in Manhattan lebt, verschwieg das Blatt des Medientycoons Rupert Murdoch seinen Lesern. Umweltfreunde fürchten bis heute, dass das Kunstwerk und vor allem die Massen seiner Bewunderer die Ruhe der rund 7 000 Vögel im Park stören könnten.

Auch die Stadt New York brauchte lange Zeit, um sich mit der Idee anzufreunden. Seit 26 Jahren spielt das Künstlerehepaar mit dem Gedanken der Tore-Allee im Central Park. 1981 lehnten die Stadtväter das Begehren aus Furcht ab, die Torstangen könnten den für New Yorker heiligen Parkboden dauerhaft beschädigen. Christo solle doch lieber den Trump Tower einpacken, hieß es damals.

Der Durchbruch gelang dem Ehepaar erst, nachdem die New Yorker vor vier Jahren Michael Bloomberg zu ihrem Bürgermeister wählten. Bloomberg ist seit Jahren ein Fan und Freund der Künstler. Bei seiner Amtseinführung habe er bereits seine Zustimmung signalisiert, berichtet Jeanne-Claude in einem Interview mit der „Los Angeles Times“. „Im März (2002) bekamen wir dann den Anruf aus dem Rathaus“. Auf Anraten von Bloomberg machte Christo seinen Plan umweltfreundlicher. Statt die Torstangen in den Parkboden zu rammen, werden sie jetzt in 15 000 etwa 300 Kilogramm schwere Stahlsockel verankert. „(Das Projekt) wird einen der großartigsten Parks der Welt präsentieren“, sagt Bloomberg.

Der New Yorker Bürgermeister ist jedoch nicht nur ein Kunstfreund, sondern auch ein gewiefter Geschäftsmann. Setzt er doch darauf, dass der weltbekannte Künstler Christo seine Fans aus allen Teilen der Welt nach New York lockt. Das städtische Tourismusbüro NYC & Company rührt seit Monaten kräftig die Werbetrommel für das Großereignis. Allein aus Deutschland werden mehrere Zehntausend Kunstfans erwartet. Einige Kulturreiseveranstalter sind bereits ausgebucht. „Die Tore sind nicht nur ein künstlerischer Meilenstein, sondern sie werden der Stadt auch Dollar der Touristen einbringen“, sagt NYC & Company-Chefin Cristyne L. Nicholas. Experten rechnen mit bis zu einer halben Million zusätzlichen Gästen im touristischen Dürremonat Februar und Mehreinnahmen von insgesamt 80 Millionen Dollar für Hotels, Restaurants, Museen und den Rest der New Yorker Wirtschaft. Zum Vergleich: Den von Christo verpackten Berliner Reichstag wollten 1995 fünf Millionen Menschen sehen.

Der winterliche Geldregen kostet New York keinen Pfennig. Christo und Jeanne-Claude zahlen die Kosten des Projekt von etwa 21 Millionen Dollar aus eigener Tasche. Allein drei Millionen Dollar überweisen sie der Stadt für die Nutzung des Parks. Der Rest geht für Material- und Personalkosten drauf. Die Heerschar der Helfer arbeit für den staatlichen Mindestlohn von sechs Dollar pro Stunde. Selbst auf die Einnahmen aus den Verkäufen von Postern, T-Shirts, Postkarten und anderen Andenken verzichtet das Künstlerehepaar zu Gunsten der Stadt.

Das Geld für ihren Kunst-Traum wollen die beiden durch den Verkauf von Skizzen zusammenbekommen, die Christo in den vergangenen Wochen fast rund um die Uhr in seinem New Yorker Atelier gezeichnet hat. Als Vorlagen dienten ihm dabei Fotos, auf denen der Düsseldorfer Fotograf Wolfgang Volz die Entwicklung des Tore-Projekts festgehalten hat. Die Preise für die Kunstwerke starten bei 30 000 Dollar und reichen bis 600 000 Dollar das Stück. Zu den ersten Käufern zählte übrigens New Yorks Bürgermeister Bloomberg.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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