Cabras
Im Wilden Westen Sardiniens

"Republik von Cabras" nennen spitze Zungen die kleine Stadt im Westen Sardiniens. Ihre Bewohner sind stolze und unabhängige Fischer, das "Gold von Cabras" sichert ihr Einkommen. Besucher treffen auf unheimliche Geschichten und ungeahnte Genüsse.

CABRAS. Denk an Don Efisio! Manchmal, in heißen Diskussionen, fällt dieser Satz noch, und es schwingt ein warnender Unterton mit. Dabei sind die Zeiten des Dons vorbei: Wie ein Feudalherr hatte er über den Stagno di Cabras geherrscht, den großen und fischreichen See im Westen Sardiniens. Nur ihm ergebene Fischer durften die Muggine, die Meeräsche herausholen. Bewaffnete Wächter vertrieben die anderen, die freien Fischer. Das war in den 60er-, 70er-Jahren, als in Sardinien Konflikte zuweilen noch gewaltsam gelöst wurden. Don Efisio Carta jedenfalls verschwand 1978 spurlos und ward nie mehr gesehen.

Dort, wo einst Don Efisio seine Fuhrwerke unterstellte, ist heute das Büro des Konsortiums der Fischer-Kooperativen. Über den See und die Fangrechte bestimmen jetzt die Gemeinde Cabras und die Fischer gemeinsam. "Republik von Cabras" sagen spitze Zungen, weil es stolze und unabhängige Fischer sind und diese Region Sardiniens ihre eigenen Regeln hat - bei denen soziale Verantwortung eine große Rolle spielt. "Dazu gehört aber auch, dass nicht jeder einfach so fischen kann wie er will", sagt Alessandro Pisceppa, 43, Vizepräsident des Konsortiums. "Schließlich geht es nicht mehr gegen den Adel, sondern schadet der Gemeinschaft, uns allen."

Das "Gold von Cabras" sichert ihr Einkommen, die Rogen der Meeräsche, die in aller Welt begehrte Bottarga. Durch ein ausgeklügeltes System von Kanälen werden die Fische, die vom offenen Meer in den See kommen, bei ihrer Rückkehr ins Meer gestoppt - und mit Netzen und der Hand gefangen. Während die männliche Muggine auf dem Grill landet, liefert die weibliche die begehrten Fischeier. Der sardische Kaviar wird gepresst, gesalzen und an der Luft getrocknet. Nach richtiger Lagerzeit ist die Bottarga bernsteinfarben und hart - in dünne Scheiben geschnitten mit Staudensellerie ein delikates Antipasto, über Spaghetti gerieben ein herzhafter erster Gang. An die 20 Euro zahlt man inzwischen für 100 Gramm Bottarga von Cabras. "Davon könnte man gut leben, wenn uns die Kormorane nicht so viele Fische wegfressen würden", schimpft Allessandro, der die Vögel am liebsten mit dem Gewehr vertreiben würde.

Der wilde Westen Sardiniens ist so ganz anders als der noble Nordosten: Kein Aufmarsch der Milliardäre und Oligarchen wie an der Costa Smeralda, wo Flavio Briatore in seinem "Billionaire"-Club die Reichen und Schönen sammelt. Kein Overkill an Luxusyachten, sondern Fischerboote, viele Familienurlauber an langen Sandstränden und dazwischen ein paar Intellektuelle, die hier in der Provinz Oristano noch das ursprüngliche Sardinien finden. Keine protzigen Villen, sondern kleine Ortschaften mit vielen Bauernhöfen, denen der Agroturismo ein Zubrot und den Besuchern die Chance zu kräftigem, typisch sardischem Essen und Trinken bietet.

Ein Landstrich voller Geschichten - wie der vom verschwundenen Feudalherrn Don Efisio. Oder der vom Gewerkschafter Gianni Usai, 62: 1980 führte er die Fiat-Belegschaft in Turin in ihrem Kampf um 20 000 bedrohte Arbeitsplätze, dann sehnte er sich zurück zu seinen Wurzeln. Heute ist er Fischer in Putzu Idu - und auch mal Akteur in einem Film. "Le Ragioni dell?Aragosta", Sympathie für die Languste, heißt die in Venedig mit viel Beifall bedachte italienische Sinnsuch-Satire von Sabina Guzzanti über Schauspieler, Fischer und die Gesellschaft überhaupt.

Bei einem Kaffee erzählt Usai die Handlung - und die Moral: "Der vermeintlich Schwächste ist oftmals der Stärkste." Man könne zusammen aus der Krise finden, wenn keiner dem anderen den Weg diktiere. Spätestens hier trifft Film auf Wirklichkeit. Denn vor einer Krise stehen auch die Fischer von Putz Idu - die Langusten-Fanggründe sind leer gefischt. Also setzten sie jetzt 6 000 junge Langusten im Meer aus, um die Bestände wieder zu vergrößern. Bis die Schalentiere größer sind, nehmen die Fischer gerne Touristen mit in ihren Booten. Bei der sardischen Sonne würden die auch rot wie Krebse, grinst Gianni. Aber der Pescaturismo sei schon eine gute Sache.

Neben dem Fischfang prägt Landwirtschaft die Ebene von Arborea, wo der Fluss Tirso Schwemmland, eine ins Meer vorstoßende Halbinsel und seichte Lagunenseen gebildet hat. Wein- und Obstplantagen trotzen hier dem an vielen Tagen kräftig vom Meer herüberwehenden Mistral. Artischocken und Mais wachsen auf den Feldern, nur die Bergkette des Monte-Ferru-Massivs erinnert in der Ferne an das zerklüftete, andere Sardinien.

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