Carla Del Pontes Memoiren
Völkermord ist Völkermord. Basta!

Carla Del Ponte, ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag hat mit "Im Namen der Anklage" ihre Memoiren verfasst. Herausgekommen ist eine emotionale Kritik an der internationalen Politik, bei der die Juristin wie eine Löwin die Gerechtigkeit mit Händen und Krallen verteidigt. Öffentlich interpretieren und kommentieren darf Del Ponte ihr Buch allerdings nicht.

DÜSSELDORF. „Hören Sie, Madame, es ist mir scheißegal, was Sie denken.“ So zitiert Carla Del Ponte George Tenet, als dieser im Herbst 2000 ihre Bitte um nachhaltige Unterstützung bei der Suche nach Kriegsverbrechern im ehemaligen Jugoslawien schroff ablehnte. Die Gründe für diese Brüskierung durch den damaligen Direktor des US-Geheimdienstes CIA waren für die Chefanklägerin der Uno-Tribunale sowohl für das zerfallene Balkanland als auch für das afrikanische Ruanda schon damals ebenso klar wie inakzeptabel: Kalkül, knallhartes Verfolgen individueller nationaler Interessen genießen für Strategen der Macht rund um den Globus allemal höhere Priorität als Recht und Gerechtigkeit.

Deshalb wundert es nicht, dass das Buch der schweizerischen Karrierejuristin zu einer von starken Emotionen dominierten Anklageschrift gegen die internationale Politik werden musste. Zumal sie darin Übung hat. Schon als Vorsitzende der Schweizer Bundesanwaltschaft von 1994 bis 1999, als sie sich gemeinsam mit dem später ermordeten italienischen Richter Giovanni Falcone mit bis dato unbekanntem Ehrgeiz an die Fersen des organisierten Verbrechens geheftet hatte, fühlte sich die Tessinerin von der Politik allzu häufig im Stich gelassen. Und zwar umso mehr, als ihr immer wieder vorgeworfen wurde, sich publikumswirksam in Szene setzen zu wollen, um nur bescheidene griffige Erfolge präsentieren zu können. Auch nach ihrer Berufung an den Haager Strafgerichtshof, der damals nicht nur von vielen Eidgenossen mit Häme, ob der dokumentierten Gräuel auf dem Balkan aber klar zu Unrecht, als Abstellgleis abqualifiziert wurde.

Insofern darf man vermuten, dass es Carla Del Ponte auch darum ging, sich ihre tiefe Frustration von der Seele zu schreiben. Sie schlüpft in die Rolle einer Löwin, die Gerechtigkeit mit Zähnen und Klauen verteidigt. Der Titel der italienischen Originalausgabe „Die Jagd. Ich und die Kriegsverbrecher“ schmeichelt ihrem Ego sicher eher als jener der deutschen Übersetzung, die sich, warum auch immer, an die amerikanische Ausgabe – „Madame Prosecuter“ – anlehnt und den früheren Journalisten der „New York Times“ Chuck Sudetic als Ko-Autoren nennt.

Enttäuschungen versucht Carla Del Ponte so gut wie möglich zu kaschieren, flüchtet dabei aber oft in von Selbstgerechtigkeit geprägte Stimmungen. So beispielsweise, wenn sie erzählt, dass sie schon als Kind niemanden belügen konnte, nicht einmal einen Zugschaffner. Sie sagt nicht schwindeln oder flunkern. Sie greift zur harten Vokabel. Semantische Differenzierung ist ihre Sache nicht. Dabei ist sie konsequent: Völkermord ist Völkermord. Basta!

Nach ihrem Abschied aus Den Haag wurde Carla Del Ponte als Botschafterin nach Argentinien beordert. Nach Ansicht des Schweizer Außenministeriums wohl der richtige Platz, um von der Illusion schierer Gerechtigkeit geheilt zu werden. Doch Carla Del Ponte steht zu früheren Recherchen: Im Kosovo soll die heute die Gunst des Westens genießende UCK rund 300 Serben und Roma getötet, deren Organe für Blutgeld verscherbelt haben. Verbieten kann der Rechtsstaat Schweiz solche Statements nicht. Doch Diplomaten kann ein Maulkorb umgelegt werden: Carla Del Ponte soll ihr Buch öffentlich weder interpretieren noch kommentieren dürfen. Schade! Es gibt schließlich Diskussionsbedarf.

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