Castorf rannte das Publikum davon
Ruhrfestspielen droht das Aus

Nach der Entlassung des renommierten Berliner Regisseurs Frank Castorf ist der erste Anlauf, das traditionsreiche Festival "zu verjüngen", gescheitert. Der designierte Intendant Flimm spricht sogar von einer "Ruine".

HB RECKLINGHAUSEN. Die Unterschrift, die der renommierte Berliner Regisseur Frank Castorf nach langem Zögern im August 2003 unter seinen Vertrag setzte, galt nicht einmal ein Jahr: Die ursprünglich bis 2007 laufende Verpflichtung Castorfs als Künstlerischer Leiter der Ruhrfestspiele wurde am Dienstag von den Trägern Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) und Stadt Recklinghausen einseitig gekündigt. Damit ist der erste Anlauf, das traditionsreiche Festival zu „verjüngen“, gescheitert.

Doch den Ruhrfestspielen droht Schlimmeres: Der designierte Intendant Jürgen Flimm spricht bereits von einer „Ruine“ und lehnt es ab, die Programmgestaltung des Festivals mit zu übernehmen. Dabei müsste das Programm für die Spielzeit 2005 spätestens im Herbst stehen. Und die Gesellschafter zeigen sich ratlos, wie das Festival nach dem diesjährigen Minus von mindestens 700 000 Euro im kommenden Jahr überhaupt finanziert werden soll.

Ruhrtriennale-Intendant Gerard Mortier hatte sich für den Chef der Berliner Volksbühne stark gemacht. Doch während der feinsinnige Belgier mit der neu gegründeten Triennale in den drei Jahren seiner Amtszeit sein Publikum fand, rannten Castorf schon im ersten Jahr die Festspielbesucher zu tausenden davon. Und nicht nur die von Castorf als „spießbürgerlich“ belächelten Gewerkschafter blieben dem Festival fern. Auch beim von Castorf umworbenen jungen Publikum der Schüler und Studenten brach der Verkauf gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent ein.

Castorfs ungewöhnliche Aktionen zeigten nicht die gewünschte Wirkung beim jüngeren Publikum, verprellten dafür aber das Stammpublikum. Spektakulär war die „Wagner-Rallye“ des Berliner Regisseurs Christoph Schlingensief: Dabei waren vier Tage lang zehn Auto-Teams durchs „Revier“ getourt und hatten die Passanten über Dachlautsprecher mit einzelnen Orchester-Stimmen - wie Hörner oder Geigen - aus Wagner- Opern beschallt. Auch Aktionen mit Billard und Kicker, Partys und Übernachtungsmöglichkeiten im festspieleigenen Schlafsaal brachten wenig Resonanz.

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