Château Rothschild öffnet seine Keller bis in die schimmelschwarzen Katakomben – für Weinliebhaber im kleinsten Kreis
Andächtiger Genuss

Weinliebhaber können sich im Medoc bei Bordeaux etwas besonderes gönnen. Sie können bei der Legende Rothschild an ihrem Stammsitz Weine verköstigen und zwar Weine aus den Kellern von Mouton Rothschild.

Als die Tür ins Schloss fällt, ist der touristische Trubel im Pavillon und auf dem Parkplatz schlagartig verschwunden. Still wie eine Kapelle ist der kleine, in klassischen Gelbtönen gehaltene Raum. Seine Schlichtheit lenkt den Blick auf den massiven, ovalen Eichenholztisch in der Mitte - auf drei Flaschen, dunkel gefüllt mit Rotwein, und auf eine blitzende Gläserparade.

Stehend, festlich im beinahe dunkelblauen Anzug, empfängt der Sommelier seine beiden Gäste, die sich in diesem Augenblick ihrer legeren Urlaubskleidung sehr bewusst werden. Stehend erleben sie in den nächsten Minuten eine Zeremonie, die für den ambitionierten Weinliebhaber fast schon so etwas wie ein Hochamt ist: die Verkostung von drei Grand Crus, von drei Château-Weinen aus den Kellern von Mouton Rothschild.

Diese Weinprobe ist Höhepunkt einer höchst individuellen Art, sich der Legende Rothschild an ihrem Stammsitz im Médoc bei Bordeaux zu nähern - bei einer Führung zu zweit oder mit Freunden.

Während die Augen die trägen Bewegungen der rubinroten Flüssigkeit im bauchigen Glas andachtsvoll verfolgen, während die Nasen im Glas das Erlebnis ungeahnter Aromen erfahren, berichtet der Sommelier in akzentuiertem Französisch von der Fülle der Geschmackserlebnisse, die das edle Produkt verheißt. Mit leiser Stimme übersetzt die Begleiterin ins Deutsche: Johannisbeere, Blaubeere, Mandel - die schon fast klassischen Grundtöne eines guten Rotweins.

Doch der Meister erspürt viel mehr: Blütendüfte, Gräser, Holz, Leder - und, und, und.

Endlich machen Zunge und Gaumen die Bekanntschaft mit dem Getränk aus vollendeten Gewächsen. Das Bemühen, die vielen Nuancen des Experten finden zu wollen, wird zur vergeblichen Anstrengung. Dies bleibt vermutlich nur wenigen erfahrenen und besonders sensiblen Kennern vorbehalten.

Doch in der entrückten Feierlichkeit wird der hochkarätige Genuss auch ohne akademisch-professionelle Erkundungstiefe zum Erlebnis. Und das fernab aller verkaufsfördernder Weinromantik oder liederträchtiger Weinseligkeit.

Wir befinden uns hier am Mündungstrichter der Gironde flussabwärts von Bordeaux. Sie sorgt im sonnenreichen Médoc in Atlantik-nähe für ein ganz eigenes, feuchtes Klima. Zu gerade 27 Metern über Meereshöhe erhebt sich der "Mothon", ein altfranzösisches Wort, das Hügel bedeutet.

Zum Weinberg wurde er - wie sein leicht gewelltes Umland - dank des Untergrundes. Das Terroir, wie die Weinfreunde auf Französisch sagen, (von la terre, die Erde) besteht aus einer dicken Schicht Kiessand, der auf Kalkstein lagert. Dieser Boden lässt Wasser gut ablaufen, was Weinbauexperten schätzen.

Der "Mothon" und nicht der "mouton", der Widder, gab dem berühmten Château und seinen Erzeugnissen den Namen. Der Widder schaffte es gleichwohl, zum Wappentier der Rothschilds zu werden.

Wer sich von Bordeaux oder dem Städtchen Pauillac am Ufer der Gironde der vinologischen Stätte nähert, fährt durch nicht enden wollende Weingärten auf dem grau-braunen Kieselboden. Hier gedeihen, typisch für die Weinbauregion Médoc, ganz überwiegend Cabernet Sauvignon und Merlot. Prächtige Herrensitze säumen den Weg. Klangvolle Namen erinnern an das Ziel.

Das allerdings ist in all seiner Bescheidenheit nur mit guter Wegbeschreibung oder Karte auf Anhieb zu finden. Wer ein dem klingenden Namen angemessenes hochherrschaftliches Gebäude-Ensemble erwartet, wird enttäuscht. Das Château ist kein Schloss, sondern die ehemalige, allerdings sorgsam restaurierte Stallung eines Bauernhofs, den die Rothschilds vor 150 Jahren kauften.

Die Untertreibung sei gewollt, erklärt die Fremdenführerin. Die Botschaft: Hier wird Qualität produziert. Repräsentation gilt in der Produktionsstätte als überflüssig.

Der lang gestreckte Bau verbirgt in seinen Tiefen nicht nur Hunderte von Fässern und zigtausend Flaschen, sondern auch reichlich Weingeschichte. So ist es der Ort, an dem der junge Baron Philippe de Rothschild 1924 begann, den Wein direkt für die Konsumenten in Flaschen und nicht ins Fass füllen zu lassen. Das war die Geburtsstunde der Château-Abfüllung.

Heute beträgt die Jahresproduktion 700 000 Flaschen. Das ist die Ernte aus 160 Hektar Weinbergen, gut 25 Millionen Euro Umsatz wert.

Baron Philippe war es auch, der in den Zwanzigern einen Bau schaffen ließ, der noch heute zu den Attraktionen zählt: den Grand Chai, den hundert Meter langen Weinkeller. Die Schätze des Châteaus lagern in den Katakomben, schimmelschwarzen Gewölben, hinter sorgsam verschlossenen Gittertüren, im Schummerlicht schwach glimmender Lichtquellen, die an eiserne Adventskränze erinnern.

Der Besucher kann die Zahlen, Daten, Fakten rund um die Produktion kaum verarbeiten. Dafür dringt er vor bis in die hintersten Winkel der Gewölbe, kommt bis an den privaten Weinkeller der aktuellen Hausherrin, der Baronin Philippine.

Im Halbdunkel lagern Flaschenbatterien von unschätzbarem Wert, zugänglich nur für den Privatsommelier der Chefin: Spitzenweine aus aller Welt, eine Sammlung mit Château-Weinen ausschließlich aus Bordeaux. Denn seit Jahrzehnten üben die großenWinzer im Bordelais den Brauch, jeweils 24 Flaschen eines Jahrganges zu tauschen.

In der Tiefe lagert auch eine einzigartige Dokumentation: einige Flaschen aller Jahrgänge Mouton Rothschild bis zurück ins vorvorige Jahrhundert. Sie verkommen nicht: Alle 25 Jahre werden sie geprüft und erhalten einen frischen Korken.

Die Geschichte dieses Hauses ist Wein-, aber auch Kunstgeschichte. In einem ehemaligen Weinkeller richtete der Baron in den 60er-Jahren das "Museum Wein in der Kunst" ein - mit Sujets aus drei Jahrtausenden.

Die Baronin fügte der Sammlung eine weitere hinzu: die Kollektion aller Originale, die von namhaften Malern seit 1945 Jahr für Jahr für die Etiketten des "Mouton"-Jahrganges entworfen wurden. Von Picasso bis Warhol, von Chagall bis Braque reicht die Etikett-Kunst.

In der Reihe derer, die für ihre Kreativität mit einer angemessenen Partie der Erzeugnisse des Hauses entlohnt wurden, ist ein Deutscher. Für den 1989er, den Jahrgang der Wiedervereinigung, beauftragte die Baronin Georg Baselitz. Er löste die Aufgabe auf seine Weise - und stellte einen Widder auf den Kopf.

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