China-Bücher
Tumber Westen, raffinierter Osten

In ihren kürzlich erschienen Büchern beschreiben die beiden Journalisten und China-Korrespondenten Frank Sieren und James Mann wie China mit einem „Possierlichkeitsimage“ hausieren geht und dabei durch die Hintertür die Welt erobert. Während Sieren von einer „Mutter-Courage-Politik“ spricht, stellt sich sein Kollege die Frage, wer eigentlich wen integriert.

DÜSSELDORF. Da ist sie wieder: die „gelbe Gefahr“. Sie kommt auf Schleichwegen daher, erobert die Welt zangenartig. Einerseits lockt China starke westliche Unternehmen ins Land, um sich Wissen über moderne Technologie anzueignen. Andererseits zieht es in die Welt hinaus, um sich Rohstoffquellen und politischen Einfluss zu sichern.

Der langjährige China-Korrespondent deutscher Magazine und Zeitungen, Frank Sieren, hat beide Trends analysiert. Seinem „China-Code“, in dem er 2005 beschrieb, wie sich die chinesische Führung mittels der „Konkubinenwirtschaft“ westliches Know-how verschafft, folgt nun „Der China-Schock“. Ein Schock, der seine Wirkung allerdings schleichend freisetzt.

China verknüpft seinen Hunger nach Öl und Erzen mit strategischer Machtpolitik. Es wirft ein Netz über die rohstoffreichen Staaten in Afrika, in Zentralasien und im Vorderen Orient aus, nutzt die Frustration von Ländern, die sich vom Westen enttäuscht abwenden, und sichert sich nicht nur Ressourcen für seine rapide wachsenden Industrien, sondern schmiedet nebenbei auch zahlreiche strategische Allianzen. „Mutter-Courage-Politik“ nennt Sieren diesen Ansatz. China engagiert sich in schwachen Ländern, hilft ihnen und verdient zugleich prächtig Geld.

Diese Allianzen haben das Zeug, die traditionellen geopolitischen Konstellationen nachhaltig zu verändern. Noch haben nur wenige die Tragweite des chinesischen Netzwerkes vollkommen begriffen. Afrika genießt zwar immer mehr Aufmerksamkeit in Amerika und Europa, doch die Chinesen sind ihnen mit konkreten Projekten einen gewaltigen Schritt voraus. Und: Sie verknüpfen keinen Werteexport mit ihrer Zusammenarbeit. Das macht sie in den Augen vieler Entwicklungsländer zu einem geachteten Partner. Denn von Bevormundung haben die Ex-Kolonien die Nase voll.

Sierens neues Werk lebt von der Anschaulichkeit. Es ist eine Mixtur aus Reportage, Interview und historischer Analyse. Er beschreibt, wie chinesische Firmen in Angola und im Sudan Straßen, Brücken und Schienenwege bauen, in Nigeria verhandeln. Wie sie Geschäfte in der Mongolei und Nordkorea anbahnen und wie sie im Iran in jene Lücken stoßen, die westliche Sanktionen aufreißen.

China hat wenig Skrupel, mit Regimen zusammenzuarbeiten, die Menschenrechtsverstöße begehen, so im Sudan. Wie die Chinesen dabei agieren und wie sie sich Fehler der Großmächte zunutze machen, versteht Sieren höchst lebendig zu erzählen. Er berichtet von Menschen und Mächten, verknüpft stets Episoden aus dem Alltag mit historischem und politischem Hintergrund. Der allerdings – ein kleiner Schönheitsfehler – gerät bisweilen etwas langatmig.

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