Chris Anderson
„Free“: Kunden ködern mit dem Null-Preis

Wie kaum ein anderer macht sich Chris Anderson, Chefredakteur beim einstigen Kultmagazin „Wired“, Gedanken darüber, wie mit Onlinezeitungen Profit zu machen ist. In seinem Buch „Long Tail“ hat er vor einiger Zeit schon einmal seine Überlegungen zusammengefasst. Jetzt erscheint in Deutschland sein neues Werk „Free – Kostenlos“. Andersons These bleibt indes die gleiche: For free is King.
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SAN FRANCISCO. Journalisten grübeln zurzeit eher über Medien-Ökonomie als über journalistische Inhalte. Seitdem sich jeder kostenlos Zeitungen und Zeitschriften im Internet herunterladen kann, schwindet die Geschäftsträchtigkeit der hergebrachten Nachrichtenindustrie. Das Internet jagt das alte Geschäftsmodell in den Äther. In den USA sind am kostenlosen Zeitungskonsum per online unzählige Zeitungen zu Bruch gegangen. Grund genug, sich um die Basis der Medienarbeit zu kümmern.

Einige versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen. So Chris Anderson, Journalist und Chefredakteur des einstigen US-Kultmagazins „Wired“, das jetzt eine gut gemachte Postille für Techies ist. Wie kaum ein anderes Medium wurde aber ausgerechnet „Wired“ vom Anzeigensterben getroffen. Und wie kaum ein anderer macht sich Anderson Gedanken darüber, wie aus dem „Prinzip kostenlos“ Profit zu schöpfen ist. Schon mit seinem Buch „Long Tail“ startete er die Suche nach den dem Internet eigenen Geschäftsmechanismen; jetzt erscheint auch auf Deutsch das Nachfolgewerk „Free – Kostenlos“.

Die These ist in beiden Büchern ähnlich: Das alte Geschäftsmodell, das alles seinen gerechten Preis auf dem Markt finden müsse, hat ausgedient, seitdem das Internet die Konsumenten mit extrem fallenden Preisen beglückt – steigende Online-Auflage aber nicht länger steigendes Einkommen für die Verlage oder andere Produzenten bedeuten muss. Fortan gelte es, so Anderson, die meisten Dinge mehr oder weniger umsonst zu verticken.

Ganz so neu ist diese These nicht. Schon seit Jahrzehnten – Anderson selbst verweist auf den Gillette-Rasierklingen-Erfinder – haben umtriebige Unternehmer die Kunden mit „kostenlosen“ Beigaben beglückt. Gillette hatte Rasierer verschenkt, die nur mit Gillette-Rasierklingen zu gebrauchen waren. Also wurde Mr. Gillette Multimillionär. Zeitungen verscherbeln seit Jahren Videos und Lexika zu Sonderpreisen und schlagen die Käufer mit deren eigenen Mitteln: der Schnäppchen-Mentalität. Jetzt aber hat das Internet alles auf Speed gesetzt: „Im vergangenen Jahrhundert war „Free“ eine effiziente Marketingmethode, doch in diesem Jahrhundert ist daraus ein gänzlich neues Wirtschaftsmodell geworden“, behauptet Anderson. Tatsächlich hat es lediglich 15 Jahre gedauert, bis sich „Free“ bei dem großen Online-Experiment als Standard durchgesetzt hat und Bezahlen zum Auslaufmodell wurde. 2007 wurde die Online-Ausgabe der New York Times gratis ins Netz gestellt, andere zogen nach.

Heute kristallisiert sich in den USA wie in Europa ein Internet-Geschäftsmodell heraus, das Verlage elektrisiert: Rupert Murdochs Wall Street Journal. Vieles gibt es auf den Online-Seiten des Journals umsonst. Anderes wie Hintergrundartikel, Recherchiertes oder Archivmaterial muss bezahlt werden. Man nennt das Freemium, die Mischung aus Premium und Free. Andersons These ist also weder neu noch radikal.

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