Claude Monet
Farbrausch im Garten

Seerosenbilder sind das Herzstück einer Aufsehen erregenden Ausstellung in Wuppertal mit Gemälden von Claude Monet. Es ist tatsächlich die erste Retrospektive des berühmten Impressionisten in Deutschland. Im Handel sind Spitzenwerke rar und teuer. Da wird auch das kleinste Stück Leinwand zum kostbaren Fund.
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WUPPERTAL. Claude Monet ist eine Droge. Seine Bilder machen glücklich. Zu diesem Schluss kommen Besucher seiner Einzelschau im Wuppertaler Von der Heydt-Museum bereits am Anfang ihres Rundgangs. Völlig versunken stehen sie im taghell beleuchteten Oval der Orangerie, auch wenn sie hier nur die Nachbildung eines Saals mit einfarbigen Reproduktionen vor sich haben. Das Gefühl muss schon während des Ersten Weltkriegs, zur Entstehungszeit der hier ausgestellten Seerosen-Panoramen, spektakulär gewesen sein: sich als Betrachter mitten in einer Teichlandschaft wiederzufinden wie auf einer Insel - eine radikale Bildidee, für die sich erst vier Jahrzehnte ein Begriff bildet: das Environment.

100 Monet-Werke hat Museumsdirektor Gerhard Finckh in jahrelanger Überzeugungsarbeit seinen Leihgebern entlockt. Dass ihm dies gelang, verdankt er seinem starken Kooperationspartner, dem Musée Marmottan Monet in Paris. 30 Gemälde ließ die weltweit größte Monet-Sammlung nach Wuppertal reisen, darunter allein 20 Seerosenbilder. Im Gegenzug erhielt Paris die deutschen Expressionisten des Von der Heydt-Museums.

Die Seerosenbilder sind das Herzstück dieser einmaligen Schau, bei der es sich tatsächlich um die erste Monet-Retrospektive in Deutschland handelt. Dabei war der Franzose hierzulande bereits zu Lebzeiten an rund 70 Ausstellungen beteiligt. Das Wuppertaler Museum selber besitzt neben einer Pastellzeichnung nur drei Bilder des Impressionisten. Mehr haben auch andere deutsche Häuser nicht in ihren Sammlungen. Die reichen Bestände an französischen Impressionisten, die deutsche Kunstliebhaber und mutige Museumsdirektoren wie Hugo Tschudi an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zusammentrugen, wurden ein Opfer von Nazi-Herrschaft und Krieg und sind heute in alle Welt zerstreut.

In Wuppertal entfaltet sich die glücklichmachende Wirkung Monets in Etappen. Kleine Kabinette versammeln die Vorbilder und Weggefährten des Impressionisten, die "Schule von Barbizon", Monets eigene davon inspirierte Bilder und sein letztes großes Figurenbild "Frühstück", das 1870 vom Salon abgelehnt wurde. Spannend wird es in den größeren Sälen. Hier hängen die berühmten Serien, die 1878 mit den Ansichten des Dorfes Vetheuil beginnen: die rauen Küstenbilder von der Belle-Île, Ansichten des Flüsschens Creuse, die Reihe der Getreideschober oder die Fassadenporträts der Kathedrale von Rouen. Monet malte nicht einfach eine Brücke, eine Flusslandschaft oder Architektur, sondern er malte, was Wetter, Sonne, Dunst und Regen mit ihnen machte. Und da sich Witterungs- und Lichtbedingungen permanent verändern, musste er das Objekt seiner Obsession geradezu zwangsläufig in Serie malen. Das war neu in seiner Zeit und wurde zunächst nicht verstanden.

Die letzte Station schließlich, der große Tageslichtssaal, überwältigt mit den farbtrunkenen, späten Seerosen- und Gartenbildern. Schwindel erregend wirkt der fast gestische, stark abstrahierende Farbauftrag, der Pflanzen, Wasser und Himmel in reine Malerei verwandelt. Warum das so einen starken Eindruck macht, fragt man sich. "Es ist erstaunlich, aber das haben die Kunsthistoriker noch nicht genauer untersucht", wundert sich Gerhard Finckh. Monet habe seine Bilder sehr präzise und kalkuliert angelegt, er habe die Regeln des Goldenen Schnitts angewandt, seine Bilder regelrecht konstruiert und so eine unglaubliche Ordnung und Harmonie geschaffen.

Ein Perfektionist muss er gewesen sein. 1907 ließ Monet eine bereits geplante Ausstellung mit Seerosenbildern bei seinem in Amerika ansässig gewordenen Galeristen Durand-Ruel verschieben, weil er mit seinen Arbeiten nicht zufrieden war. 30 Bilder vernichtete er, und das schlug Wellen. "Der französische Maler Monet zerstört Werke im Wert von 100 000 Dollar", schrieb die Washington Post voller Entsetzen. 20 Jahre zuvor habe er noch gehungert.

Einem späteren Vernichtungsfeldzug fielen weitere Leinwände zum Opfer, die er teilweise in Teile zerschnitt. Einige davon tauchten später im Kunsthandel wieder auf wie auch das kleine, 1917/18 entstandene Querformat, das der Frankfurter Kunsthändler Achim Hagemeier im November 2008 auf der Cologne Fine Art & Antiques zeigte. Nach Angaben Hagemeiers soll es das einzige Monet-Bild im Handel seit Jahren sein. 750 000 Euro hat er für die im Werkverzeichnis Wildenstein notierte Leinwand angesetzt, die auch im Von der Heydt-Museum ausgestellt ist.

In den Auktionen ist Monet, dessen Oeuvre gut 2000 Gemälde umfasst, dagegen ein häufiger Gast. Über 880 Einträge verzeichnet allein die Datenbank artnet, darunter auch das erwähnte kleine Seerosenbild, das in den letzten zwölf Jahren augenscheinlich durch eine ganze Reihe von Händen wanderte. Einer seiner Vorbesitzer war nach Angaben Hagemeiers die Berliner Galerie Haas, die es 1989 bei Sotheby?s London für 148 500 Pfund (ca. 400 000 DM) erwarb und an eine hessische Privatsammlung weiterverkaufte. Zuletzt wurde das Bildchen im Mai 2009 im Wiener Dorotheum eingeliefert, wo es bei einer Taxe von 370 000 bis 420 000 Euro zurückgereicht wurde.

Leinwände in gängigen Formaten haben - bei halbwegs guter Qualität - Preislagen ab mindestens 3 Mio. Dollar. Schon für die gefällige Pariser Szene "Au Parc Monceau" waren im Mai dieses Jahres umgerechnet 5,3 Mio. Dollar fällig (5,6 Mio. Pfund, Christie?s London). Für gesuchte Spitzenwerke werden zweistellige Millionensummen. Das artnet verzeichnet allein 43 Bilder in dieser Größenordnung, die ihren einsamen Rekord in den umgerechnet 80,5 Mio. Dollar (51,7 Mio. Euro) für das späte Seerosenbild aus der Sammlung Irwin und Xenia Miller findet (Sotheby?s London, Juni 2008).

Ermöglicht hat die mehr als 1 Mio. Euro teure Ausstellung die Dr. Werner Jackstädt-Stiftung
Katalog: DruckVerlag Kettler, 25 Euro
Parallel läuft unter dem Titel "Vive la France!" eine Ausstellung mit dem umfangreichen Eigenbestand französischer Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts
Laufzeit beider Ausstellungen: bis 28.2.

www.von-der-heydt-museum.de

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