Cole kehrt die dunkle Seite in den Songs hervor Küsse im kühlen Schatten

Holly Cole, die kanadische Jazz-Sängerin, legt mit „Shade“ ein Herbstalbum der besonderen Art vor: Es zeigt die dunkle Seite des Sommers und verspricht musikalische Überraschungen.

Wie aus der gleißenden Sonne gezogenes Karamel fließen die Worte aus dem Lautsprecher: „It’s too darn hot.“ Es ist zu heiß. Verdammt viel zu heiß. Dann perlt ein Piano aus der Box wie Schweißperlen von einer glühenden Stirn, eine erotische Stimme schmirgelt: „We kiss in a shaddow.“

Der perfekte Soundtrack nicht nur für den Sommer 2003: „Shade“, das neue Album von Kanadas Jazz- Königin Holly Cole, ist jetzt im Handel. „Ich mag eigentlich keine Sommeralben“, gesteht die, die singt von drückender Schwüle und Küssen im Schatten – und man glaubt es sofort.

Denn so sieht niemand aus, der von „fun, fun, fun“ singt, vom Surfen und dem Strandleben: Eine kühle Aura umgibt Holly Cole an diesem sonnigen Nachmittag auf der Terrasse eines Berliner Hotels an der Spree. Um sie herum gebräunte Haut – die des Kellners, der Gäste, der Touristen. Und sie selbst? Blass, schwarz gewandet mit schwarzer Designerbrille.

Nicht viel zu erkennen von der warm angeleuchteten Person auf dem Titelbild von „Shade“. „Ich habe mich ja auch nie als Künstlerin gesehen, die über den Sommer singt“, gesteht sie schmunzelnd. Schnell spricht sie, fast hastig. So, als ob ihr eine gute Freundin gegenübersitzt, der sie etwas Wichtiges erzählen will. Von der untergründigen Spannung ihrer Musik ist nichts zu spüren.

In ihrer Heimat genießt sie denn auch einen wenig sommerlich-entspannten Ruf. Sie gilt dort mehr als der Reservegeist aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte, der gerufen wird, wenn die ersten drei bei Scrooge nichts bewirkt haben. „Dunkle Diva der weltlichen Weihnacht“ nannte sie die „Edmonton Sun“ einmal. Jedes Jahr füllt ihre Tour mit Weihnachtsliedern große Hallen – Coles böse Interpretation der kuscheligen Nikolauszeit sind Kult.

Denn seit ihrer ersten LP „Girl Talk“ aus dem Jahr 1990 ist Cole dafür bekannt, bei jedem Song die dunkle Seite hervorzukehren. Das änderte sich auch nicht, als sie 1997 ihre Band vorübergehend auflöste, um ein wenig mit Pop-Einflüssen zu spielen. „Cole hat ihre eigene Nische als Sängerin erfunden“, konstatierte die „New York Times“.

Zeit genug zur Suche hatte sie: Beide Eltern waren Profis in Sachen Klassik, ihr Bruder ist studierter Jazzer: „Wie bei anderen Familien redeten wir morgens darüber, wann wir nach Hause kämen, was wir gern zum Mittagessen hätten. Aber genauso: Wer bekommt das Piano zwischen vier und fünf? Wer zwischen fünf und sechs?“ Eine brave Tochter, die sich auf Noten und Instrumente stürzt, war sie nicht: „In anderen Familien wird man das schwarze Schaf, wenn man Musiker wird. Bei mir war es umgekehrt. Ich wollte Tierärztin werden – und war die Außenseiterin.“

Während sie in Europa nur den Jazz-Fans bekannt ist, genießt sie in Kanada und Japan Star-Status. In Nippon schaffte sie es mit „Calling You“ 1991 sogar auf Platz eins der Charts. Seitdem sorgen ihre Besuche dort für Medienrummel, kreischende Fans sind keine Seltenheit. „Die Japaner scheinen mein Konzept der Mischung verschiedener Musikrichtungen zu verstehen“, glaubt Cole.

Ob die aber auch das geplante nächste Album mögen? Wie viele Musiker, die einen stillen Sound bevorzugen, will auch Cole mal ausbrechen. Sie tat das schon mit einer Country-Band, die einige Liveauftritte bestritt. Und nun: „Mein nächstes Album wird wohl eine Big-Band- Platte werden. Das ist schon in der Planung.“

Erst mal aber gibt es jetzt ihre Version des Sommers zu hören. „Nicht ich habe das Thema gewählt, es wählte mich“, erzählt sie. Wieder einmal hatte sie sich eingegraben in den Archiven des kanadischen Rundfunks CBC – „Das liebe ich“ –, hatte Songs gesucht, deren Interpretation sie reizen. Denn selbst schreibt Cole nie: Sie singt nur das Material anderer Komponisten. „Und manchmal wünschte ich, mehr Musiker täten das. Denn Songs schreiben und singen – das sind unterschiedliche Handwerke.“

Fünf Lieder hatte sie gefunden für das neue Werk. „Wir nahmen sie auf und dann merkte ich: Sie alle handeln vom Sommer. Ich fing also an, noch andere Sommerlieder zu suchen.“Aber warum heißt das Album dann „Shade“ – Schatten? „Der Schatten ist im Sommer eine Erlösung. Er verändert aber auch die Wahrnehmung, die Art, wie wir Dinge sehen. Und eine Menge der Songs auf dem Album verändern die Einstellung darüber, wie man diese Lieder interpretieren kann.“

Doch keine Angst: zur Untermalung der Cabriofahrt an den Strand taugt „Shade“ nicht: „Es ist ein Werk über die dunkle Seite des Sommers. Eigentlich ist es mehr ein Herbstalbum.“ Der Sommer hat eine dunkle Seite? „Klar! Angespannte Hitzewellen zum Beispiel. Wenn man in der Hitze steht, und sich für den Bruchteil einer Sekunde nichts mehr zu bewegen scheint. Man ist wie in einem Vakuum.“

Doch es gebe auch noch eine andere interessante Seite der heißen Tage: „Der Sommer ist ein Ausgleicher. Alle sind in der gleichen Situation, und im Gegensatz zum Winter spürt man das auch, denn alle, egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft oder welchen Standes, sind draußen. Diesen Gedanken liebe ich.“

Nach der Hitze dieses Sommers dürften ihre Hörer dies so gut nachempfinden können, wie nie zuvor – Holly Cole, die Wetterprophetin also? Das sorgt für herzhaftes Lachen: „Und warten Sie mal auf den Winter“, warnt sie, und ihre Augen werden groß. „Der wird frostig und eisig.“

Quelle: Handelblatt

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