Collection J+C Mairet: "Damals kastrierte man ja häufiger"

Collection J+C Mairet
"Damals kastrierte man ja häufiger"

In der Von der Heydt Kunsthalle in Wuppertal-Barmen ist die Sammlung von Jean und Christine Mairet zu Gast. Das französische Ehepaar sammelt Gegenwartskunst, die um die Befindlichkeiten und Abgründe der menschlichen Seele kreist.
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WuppertalFrankreichs Kunst ist in Deutschland nur an wenigen Orten zuhause. Das Ludwigmuseum in Koblenz gehört etwa zu den wenigen Häusern mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer französischer Kunst. Mit französischer Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist das Von der Heydt-Museum in Wuppertal gesegnet. Sie ist Teil einer gut bestückten Sammlung bedeutender Meisterwerke vor allem des Impressionismus und des Expressionismus; Pfunde, mit denen sich im internationalen Leihverkehr gut wuchern lässt. Dass sich so gepflegte Kontakte umgekehrt auch in großartige Ausstellungsprojekte ummünzen lassen, hat das Wuppertaler Museum allein in den letzten Jahren mit monographischen Ausstellungen zu Pierre Auguste Renoir, Claude Monet, Pierre Bonnard und Alfred Sisley unter Beweis gestellt.

Zurzeit ist in der Von der Heydt Kunsthalle Wuppertal-Barmen die Collection J+C Mairet zu Gast, eine französische Privatsammlung. Jean und Christina Mairet, die in Paris und Berlin leben, sammeln seit 30 Jahren Werke, die sich mit Zuständen und Abgründen der menschlichen Existenz beschäftigen. Französisch ist ihre Sammlung vielleicht nur insofern, als sie neben einer größeren Anzahl internationaler Künstler vor allem auch Werke einiger in Deutschland noch relativ unbekannter französischer Künstler aufweist.

Vorschlag des Sammlers

Weder Beruhigung noch Rausch verspricht diese Ausstellung, deren Werke den Betrachter bannen und herausfordern. „Sie setzen ihren Stachel bei den ganz alltäglichen Situationen und Befindlichkeiten des Menschen an“, erklärt Museumsdirektor Gerhard Finckh. Jean Mairet schlägt vor, sich das Porträt von Madame Louchard anzuschauen, die ihren Liebhaber kastrierte. Für ihn sieht sie aus wie die damalige Freundin seiner Großmutter auf dem Land. „Damals kastrierte man ja häufiger.“

Mairet bezieht sich auf eine Auftragsarbeit von Nathalie van Doxell von 2003: überarbeitete Verbrecher-Porträts nach historischen Aufnahmen. Sie stoßen das Nachdenken über das Erscheinungsbild des Mörders an, ein großes Thema im 19. Jahrhundert. „Gerade weil man weiß, dass diese Damen und Herren getötet haben, findet man, dass sie suspekt aussehen“, erklärt Mairet das Phänomen, das damals sogar eine eigene Wissenschaft, die Phrenologie, begründete.

Symbolträchtiges Porträt

Mit Recht suspekt ist der „Mann mit Maske“ auf dem Bild von Rolf Lukaschewski (1973). Die Maske trägt alle einschlägig bekannten Attribute von Adolf Hitler, das tief gescheitelte glatte Haar und den kurzen Oberlippenbart. Für Mairet hat die Maske keine Augen, keinen Blick. Sie ist „abgrundtief leer“. Der Kragen symbolisiert für ihn „sowohl die höhere Gesellschaft als auch die Industrie und die Kapitalbringer“. Und im Hintergrund sieht er „die Farben der Beamtenarbeitszimmer, in denen der grausame systematische Massenmord bürokratisch und ordentlich vorbereitet wurde“. Es ist erstaunlich, was alles aus diesem schlichten Halbporträt gelesen werden kann.

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"Damals kastrierte man ja häufiger"

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Anspielung auf Rodins "Denker"

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