Contemporary Art
Die Messlatte ist hoch gelegt

Die Londoner Auktionen für zeitgenössische Kunst gehen kein Risiko ein. Sie  konzentrieren sich auf krisenfeste Spitzenreiter, die mehrheitlich schon tot sind. Ob sich das gute Ergebnis von 2012 wiederholen lässt, wird die nächste Woche zeigen.
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LondonDie Londoner Contemporary Auktionen vom 12. bis 15. Februar werden zeigen, ob der Markt für zeitgenössische Kunst schon eingebrochen ist, wie manche behaupten, und wir das nur noch nicht richtig mitbekommen haben. Eigentlich deutet ja nichts darauf hin. Christie’s verbuchte im letzten Jahr in diesem Segment einen Umsatzzuwachs von 34 Prozent; es gab strahlende Erfolge bei den November Auktionen in New York. Das Wirtschaftsvertrauen in der Welt ist stärker als lange, auch der zweimal jährlich erhobene Vertrauensindex des Londoner Kunstmartkanalysten ArtTactic steht 18 Prozent höher als im Sommer.

Spitzenreiter sacken ab

Aber in ArtTactics neuer Rangliste der krisenfesten Künstler sind die wirklichen Zeitgenossen reihenweise abgesackt. Diejenigen, die oben stehen – Rothko, Basquiat, Yves Klein – sind lange schon tot. Auch der einzig Lebende in den Top 10, Gerhard Richter, ist von Platz 1 auf 7 gerutscht. Künstler wie Anish Kapoor, Jeff Koons, Gilbert and George sind weit abgesackt, Damien Hirst liegt nur noch auf Platz 89.

Nur 15 Künstler machen den Umsatz

„Drei Viertel des gesamten Auktionsumsatzes im Contemporary Bereich wird von nur 15 Künstlern gestellt“, so ArtTactic Gründer Anders Petterson. Auktionshäuser, die sich vorwiegend auf die jüngste Kunst konzentrieren, leiden bereits. Simon de Pury hat „Phillips de Pury“ vor Weihnachten verlassen. Am 14. Februar, wenn ein Basquiat für 1,8 bis 2,5 Millionen Pfund das Spitzenlos ist, heiß es nur noch Phillips.

Spekulation auf halbiertes Lamm

Die spannendsten Lose in den Londoner Februar Auktionen werden also Kunstwerke auf den hinteren Plätzen sein und nicht die Spitzenreiter, die in fast perfekter Harmonie von verlässlichen Blue Chips wie Jean Michel Basquiat, Gerhard Richter und Francis Bacon angeführt werden. So liegen beispielsweise berechtigte Hoffnungen auf der Einlieferung der deutschen Sammlerin Ingvild Goetz, angeführt von Christopher Wools schöner „Mad Cow“ mit 700.000 bis 900.000 Pfund oder auf Damien Hirsts zweiteilige Lamm-Skulptur „Away from the flock (Divided)“. Hier handelt es sich nicht um das zarte Lamm im Formaldehyd-Kasten, das in der Hirst Retrospektive der Tate im Sommer schon gräulich aussah, sondern um zwei Kästen mit den Hälften eines Lamms. 2006 hatte der Einlieferer das Werk aus einer Dreier-Auflage in New York für 3,4 Millionen Dollar ersteigert, das ist nun genau die Mitte der Schätzung von 1,8 bis 2,5 Millionen Pfund.

Ein 2007 gemaltes Spot Painting von Hirst ist auf 300.000 bis 500.000 Pfund geschätzt, ein ziemlicher Rabatt für das 2.40 Meter große Bild. Zuletzt wurde es in Gagosians globaler Spot Painting-Schau gezeigt, die dem Bruch zwischen Hirst und seinem Galeristen vorausging. Phillips, wo ein Basquiat mit 1,8 bis 2,5 Millionen Pfund das Spitzenlos ist, will es mit einem 2010 gefertigten vergoldeten Kabinett mit Industriediamanten versuchen, „Bling“-Kunst mit einer Schätzung von 1,5 bis 2,5 Millionen Pfund.

Endlich wieder ein großer Doig

Ein interessanter Wiederkehrer ist Peter Doigs Großformat „The Architect’s Home in the Ravine“, das am 13. Februar bei Christie’s aufgerufen wird. 2007 wurde es für 3,6 Millionen Dollar  versteigert; nun ist es mit 4 bis 6 Millionen Pfund preislich in Augenhöhe mit dem Spitzenreiter „The White Canoe“ angesetzt. Was Großformate Doigs betraf, war der Auktionsmarkt in den letzten Jahren ausgehungert. Allen Jones Pop-Triptychon „Hatstand, Table and Chair“ dagegen hat den Erfolg der Auktion der Nachlasssammlung  Gunter Sachs im Auge, auf der die drei berühmten Popmöbel, einzeln versteigert, zusammen 2,6 Millionen Pfund erzielten. Nun wird eine andere Gruppe aus der Sechser-Edition für 1,5 bis 2 Millionen Pfund angeboten.

Frühwerk von David Hockney

Einen ungewöhnlichen und wichtigen Auktionsauftritt hat David Hockney mit dem 1963 entstandenen „Great Pyramid at Giza with Broken Head from Thebes“, ein großers Bild aus der genialen und begehrten Frühzeit Hockneys, das aber auch auf spätere Werke mit Sonne und Palmen vorausweist. Die Schätzung von 2,5 bis  3,5 Millionen Pfund scheint bescheiden.

Spekulation mit jungen Künstlern

Weit über die Hälfte der in den Abendauktionen angebotenen Zeitgenossen sind schon tot. Sotheby's geht am 12. Februar noch mehr auf Nummer sicher; unter den wenigen neuen Auktionsstars ist der in Berlin lebende Rumäne Adrian Ghenie, dessen „Dr. Mengele 2“ , vom Einlieferer 2011 in der Galerie Haunch of Venison Ausstellung gekauft, nun 30.000 bis 40.000 Pfund kostet. Längst ein gesuchter Star ist der Iraner Ahmed Alsoudani, von dem ein 2011 entstandenes, aus einer Kohlezeichnung entwickeltes, komplexes Acrylgemälde mit 200.000 bis 300.000 Pfund bewertet ist.

Lustlose Engel im Theorie-Gefecht

Zu der Gruppe deutscher Werke gehören zwei frühe Arbeiten Blinky Palermos, darunter „Rechter Winkel“ von 1968. Entstanden vor Sigmar Polkes berühmtem Gemälde „Höhere Wesen befahlen: Obere rechte Ecke Schwarz malen“, ist es mit 300.000 bis 400.000 Pfund bewertet. Von Polke selbst stammt „Menschen wie Du + Ich“ von 1988 für 800.000 bis 1,2 Millionen Pfund. Es wurde 2004 für 478.000 Dollar ersteigert. Neo Rauchs „Theorie“, in dem der Theoriestreit von lustlosen Engeln ausgefochten wird, die direkt aus Renaissancegemälden kommen, ist auf 450.000 bis 650.000 Pfund geschätzt. Das wäre vor drei Jahren deutlich mehr gewesen.

Schätzungen setzen auf Preiszuwachs

Aber an wirklichen Spitzenreitern ist kein Mangel. Preisführer soll Francis Bacons Selbstporträt-Triptychon von 1980 werden. Das 30 cm-Hochformat wurde 2006 zuletzt für 3,8 Millionen Pfund in London versteigert. Nun sind von Sotheby’s 10 bis 15 Millionen Pfund angesetzt. Christie’s hat den „Man in Blue VI“, der 2009 zurückging, mit der gleichen Schätzung wie damals angesetzt, 4 bis 6 Millionen Pfund. Zwei Abstraktionen von Richter bei Christie’s und Sotheby’s sollen mindestens 7 Millionen Pfund bringen.

Basqiat ist bei Sotheby’s mit dem marktbekannten Bild „Untitled  (/Pecho/Oreja)“ vertreten. Die Schätzung von 7 bis 9 Millionen Pfund setzt auf einen klaren Preiszuwachs gegenüber dem letzten Auktionsauftritt 2008 mit 5 Millionen Pfund. Die gleiche Schätzung hat Christie’s Top-Los von Basquiat, das als „Urban Poem“ avisierte Wortbild „Museum Security“.

Über 130 Millionen Pfund erwartet

Die untere Schätzung der Auktionen liegt etwas über 130 Millionen Pfund. Die Messlatte vom Vorjahr liegt mit 171 Millionen Pfund hoch. Wird sie verfehlt, wird der seit dem Markteinbruch von 2008 unentwegt gestiegene Contemporary Markt seinen ersten Knick erlebt haben.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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