Contemporay Art
Kunst eines verschwiegenen Sammlers

Die Londoner Prestigeauktionen für zeitgenössische Kunst sind viel versprechend bestückt. Im Mittelpunkt steht die Sammlung Dürckheim. Ihr Herzstück ist die gegenständliche und figurative Malerei Deutschland der 60er Jahre. Die Branche rechnet mit einer Aufwertung von Polke und Baselitz.
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Die Kataloge der Londoner Prestigeauktionen für Contemporary Art versprechen wieder Abend füllende Veranstaltungen. Schon die unteren Schätzungen – 75 Millionen Pfund bei Sotheby’s, 56 Millionen Pfund bei Christie’s – deuten auf Rekordumsätze. Warhol und Francis Bacon werden wieder die Toppreise bestimmen. Aber ein wirklicher Marktbeweger dürfte die Sammlung des deutschen Finanziers Christian Graf Dürckheim-Ketelhodt werden. Sotheby’s wird den wichtigsten Teil seiner Kunst der 1960er Jahre zum Auftakt der Abendauktion am 29. Juni versteigern – Kunst einer Epoche, in der deutsche Maler zu gesellschaftlichen Inhalten und der Figuration zurückfanden. Georg Baselitz, Eugen Schönebeck und die „kapitalistischen Realisten“ Gerhard Richter und Sigmar Polke waren die Antreiber.

Dürckheim sammelte diskret

Dürckheims Kunst gibt einen musealen Überblick über diese Dekade. Er sammelte nicht nur früh, sondern systematisch auch die frühesten Produkte dieser Dekade. Ein zusätzlicher Reiz ist, dass seine Sammlung marktfrisch ist und die Werke kaum je gesehen wurden. Vieles hatte der verschwiegene Sammler, der in London wohnt und in verschiedenen Aufsichtsräten sitzt, eingelagert. Nun kommen insgesamt 59 Werke mit einer Gesamtschätzung von rund 33 Millionen Pfund (37 Millionen Euro) auf den Markt. Die Interessen des Sammlers richten sich jetzt auf andere Kunstbereiche.

Erwartungen an ein Rasterbild

Sotheby’s Expertin Cheyenne Westphal macht am wenigsten Aufhebens von der Handvoll mittelformatiger Gerhard Richter Bilder mit Schätzungen zwischen 1 und 3 Millionen. „Richter kennen wir ja nun und wir kennen auch die Preise“. Ungewöhnlich mit seinem leuchtend roten Farbtupfer ist das Landschaftsbild Korsika (Feuer) mit Feuer, das Richter nach einem eigenen Urlaubsfoto malte (1 bis 1,5 Millionen Pfund).

Polke und vor allem Baselitz dagegen hält Westphal für unterbewertet und rechnet fest mit Rekordpreisen. Spitzenlos der Sammlung ist Sigmar Polkes Rasterbild „Dschungel“ von 1967. Mit 160 x 245 cm ist es doppelt so groß wie der bisherige Rekordhalter für Polke, das 2007 bei Christie’s für 2,7 Millionen Pfund versteigerte, schwarz-weiße Rasterbild „Strand“ aus dem Besitz von Franz von Bayern. Nun werden für das vom Sammler 1980 bei der Münchner Galerie Fred Jahn erworbene Format 3 bis 4 Millionen Pfund erwartet. Auch „Stadtbild II“ ist mit 2 bis 3 Millionen Pfund hoch angesetzt.

Unberechenbarer Markt für Schönebeck

Aber Baselitz ist der Star, vor allem mit der ersten Version seines berühmtesten Bildes „Große Nacht“, das mit 2 bis 3 Millionen vorsichtig taxiert ist. Es ist die erste Version des berüchtigten Onanierbildes, „Die große Nacht im Eimer“, das 1963 in der Eröffnungsausstellung der Galerie Werner in Berlin beschlagnahmt wurde. Der Staatsanwalt griff ein, aber die Kunstgeschichte lässt sich nicht so leicht aus der Bahn werfen. Längst hängt die zweite Version in der Sammlung Ludwig. Eine dritte Version, „Große Nacht im Eimer“ befindet sich als Leihgabe des Künstlers im Boijmans Van Beuningen Museum in Rotterdam. „Kein leichtes Bild, aber kunsthistorisch absolut bedeutend“, sagt Westphal und rechnet mit einem starken Preis. Die gleiche Schätzung und das gleiche Format hat „Spekulatius“, eines der wichtigen Heldenbilder des Künstlers.

Dürckheim forderte keine Garantie

Eine unbekannte Größe ist „Bildnis“ von Baselitz’ einstigem Mitstreiter, dem Kunstaussteiger Eugen Schönebeck. Die Taxe beträgt 300.000 bis 400.000 Pfund. Aber wie die jüngste Schönebeck Retrospektive der Schirn Kunsthalle in Frankfurt und das neue Werkverzeichnis den Markt beeinflussen, ist schwer zu sagen. Schönebeck hat viele Werke zerstört. Das überlebende malerische Werk umfasst nur 35 Ölgemälde, vieles in Sammlungen wie beispielsweise der Sammlung Burda. Das Dürckheim-Gemälde hat absoluten Raritätswert, andererseits ist mit solchen Einzelläufern kein berechenbarer Markt zu machen.

Selten auf dem Auktionsparkett ist Konrad Lueg,. Sein „Mann am Tisch“ von 1965 hat mit 200.000 bis 300.000 Pfund eine ebenso maßvolle Taxe wie frühe Stoffbilder von Blinky Palermo (zwischen 500.000 und 700.000 Pfund). Sotheby’s hatte bei den Schätzungen völlige Freiheit, Dürckheim forderte auch keine Garantie: Bei dieser Auktion kann der Markt die Werke unvoreingenommen bewerten.

Zuversichtliche Einlieferer

Um den Spitzenpreis der Woche kämpfen zwei Gemälde von Francis Bacon, nachdem der Topp-Preis für das Triptychon der Sammlung Kostalitz im Februar den Bacon Markt wieder in Schwung brachte. Sotheby’s hat „Crouching Nude“, aus der Serie von Frauenakten der frühen Sechziger Jahre mit einer Schätzung von 7 bis 9 Millionen Pfund versehen, das Bild hatte erst 2006 über Gagosian den Besitzer gewechselt. Christie’s bietet mit einer unveröffentlichten Schätzung um 11 Millionen Pfund „Study for a Portrait“ aus der Serie von in dunkelblauen Käfigen gefangenen „Business Men“ der frühen Fünfziger Jahre an. Es stammt Marktquellen zufolge aus der Kunstsammlung Donald Hess in der Schweiz.

Auch sonst haben die Einlieferungen Zuversicht wie lange nicht. Das belegen Einlieferungen wie Juan Munoz’ vierteiliges „Conversation Piece“, „Esquina positiva“, das mit 3 bis 5 Millionen Pfund bewertet ist oder Marktwiederkehrer wie die Arbeit von Jean-Michel Basqiat, die 2007 für 7,8 Millionen Dollar ersteigert wurde und nun von Sotheby’s mit einer Schätzung von 5 bis 7 Millionen Pfund angesetzt ist. Die Warhol-Spitzenlose sind bei Sotheby’s ein Debbie Harry-Porträt (3,5 bis 5,5 Millionen Pfund) und bei Christie’s ein Mao-Porträt mit einer 6 bis 8 Millionen Pfund-Schätzung.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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