"Daimler-Desaster“
Unter keinem guten Stern

Das "Daimler-Desaster" heißt Jürgen Grässlins neues Buch. Der 48-jährige Realschullehrer aus Freiburg legt - wie nicht anders zu erwarten - eine schonungslose Abrechnung mit Jürgen Schrempp und dessen Amtszeit als Daimler-Chrysler-Chef vor.

HB STUTTGART. Mit missionarischem Eifer und genüsslich schildert Grässlin alle Pannen des ebenfalls aus Freiburg stammenden Schrempp: Milliardenverluste bei Smart, Qualitätsprobleme bei Mercedes, eine teure Fusion mit Chrysler, eine gescheiterte Allianz mit Mitsubishi oder der mäßige Erfolg mit dem Maybach-das meiste davon ist hinlänglich bekannt. Grässlin ist auch Sprecher der "Kritischen AktionärInnen Daimler-Chrysler". Entsprechend häufig ist er als Redner bei Hauptversammlungen aufgetreten. Durch Schrempps Rücktritt zum Jahreswechsel fühlt sich der Autor offenbar zusätzlich autorisiert.

Eigentlich bräuchte man nach dem Titel gar nicht mehr weiterzulesen. Für Grässlin ist in dem Konzern nahezu alles ein "Desaster". "Welt-AG-Desaster", "Produkt-Desaster", "Graumarkt-Desaster" und "Bilanz-Desaster" heißen die vier Teile.

Nimmt man den Fremdwörter-Duden als Quelle, bedeutet "Desaster" abgeleitet "Unstern" mit den Bedeutungen Missgeschick, Unheil und Zusammenbruch. Für Grässlin steht der ganze Konzern inzwischen zweifellos unter keinem guten Stern mehr. Er weiß viel über das Unternehmen und hat alles fleißig zusammengetragen. Schon allein die Zusammenstellung wirkt bedrückend. Sie hinterlässt beim Leser den Eindruck, dass sich Daimler-Chrysler unter Schrempp vom deutschen Vorzeigekonzern zu einer Bruchbude entwickelt haben muss.

Die Anhäufungen der "Desaster" erzeugen das Bild im Kopf des Lesers, Daimler-Chrysler müsse kurz vor der Pleite stehen. Und gerade darin liegt die Schwäche des Buches: in der Hybris. Vor fünf Jahren noch ging Grässlin zurückhaltender mit seinem Protagonisten um, als er die Schrempp-Biografie "Herr der Sterne" veröffentlichte. Inzwischen ist Grässlin enttäuscht: Vom "Herrn der Scherben" spricht er nur noch. "Stellen Sie sich einen Vorstandsvorsitzenden vor, der ungeahnte Erfolge verspricht, dessen Fehleinschätzungen jedoch zu einem dramatischen Wert- und Arbeitsplatzverlust führen", so lautet der erste Satz in dem Buch. Nicht brillant, aber immerhin: Der Autor baut Spannung auf.

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