Dan Diner erklärt, warum die islamische Welt den Anschluss an die Moderne verpasst hat
Der Blick zurück auf die Utopie

Schwarz auf weiß ist es für jeden nachzulesen: Der im Auftrag der Vereinten Nationen 2002 veröffentlichte "Arab Human Development Report" belegt die erschreckende Erkenntnis, dass die Länder der islamischen Welt durch gewaltige Defizite bei politischer Freiheit und Menschenrechten in ihrer wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Entwicklung weitgehend blockiert sind.

Die Fakten kann also jeder nachlesen, so der Historiker Dan Diner in seinem neuen Buch "Versiegelte Zeit - Über den Stillstand in der islamischen Welt". Doch was sind die eigentlichen Gründe für diesen verhinderten Anschluss an die Moderne?

Nun ist Dan Diner ein viel zu originärer Denker, als dass er allein die Politik des Westens oder den Islam als Ursachen der Unterentwicklung ausmachen oder gar brandmarken würde. Er wählt eine kulturwissenschaftliche Perspektive und analysiert dabei insbesondere die Rolle des Arabischen, das sich in eine einheitliche Schrift- sowie eine Alltagssprache der verschiedenen arabischen Länder aufspaltet.

"Als Sprache des Korans ist das Arabische sakral versiegelt", lautet denn auch seine zentrale These. Schließlich bewahrt die hocharabische Schriftsprache das Sakrale auf, während die in den verschiedenen Ländern gesprochenen Dialekte nicht verschriftlicht werden dürfen. Das Resultat ist ein Hocharabisch, dessen hermetische Ausgestaltung und Komplexität mit zu den Gründen für das Ausbleiben des Fortschritts in der islamischen Welt gehört.

Um seine These zu untermauern verweist Diner unter anderem auf die Tatsache, dass fast dreihundert Jahre vergehen mussten, bis der Buchdruck im Herrschaftsbereich des Islam zur Anwendung kam. Allein die Vorstellung, dass der Koran oder andere religiöse Texte mechanisch reproduziert werden konnten, weckte lange Zeit Ängste vor einem Verlust ihrer Heiligkeit und führte zu dieser Verzögerung.

Ferner nennt Diner das Beispiel der modernen Türkei. Deren Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk schaffte 1924 nicht nur das Kalifat ab, sondern ließ nur vier Jahre später das arabische Alphabet durch das lateinische ersetzen. Ohne diese Reformen wäre eine Modernisierung des Landes wohl kaum möglich gewesen. Aber diese Maßnahmen brachten auch Irritationen innerhalb der islamischen Welt mit sich und sind immer wieder ein Bezugspunkt in den Statements von Osama bin Laden.

Die Antworten der Islamisten auf die Krise der islamischen Welt sind ebenso verblüffend wie einfach, schreibt Dan Diner. Die Ideologen von Muslimbrüderschaft & Co. sehen die Ursachen im Abweichen vom Pfad des wahren Glaubens. "War dem so, dann konnte allenfalls eine Rückbesinnung auf das Ursprüngliche Verbesserung verheißen. Und der Blick zurück ist auf eine Utopie gerichtet: auf das Ideal des frühen Islam, die Zeit des Propheten und der rechtgeleiteten Kalifen - die sakrale Zeit des Islam." Leider macht es Diner seinen Lesern durch die Komplexität seiner Sprache und die Vielzahl von Fremdwörtern nicht immer sehr einfach, seinen Aussagen zu folgen. Doch die Mühe lohnt sich.

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