Das erste Jahrzehnt: Wie Künstler die Welt sehen

Das erste Jahrzehnt
Wie Künstler die Welt sehen

Der Oberflächenglanz der 90er Jahre ist passé, so eine Bilanz zur globalen Kunstproduktion zwischen 2000 und 2010. Flüchtlingsströme und Finanzmärkte sind die Themen - die Künstler kommentieren die Globalisierung.
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Brisbane

Die Kunst der ersten Dekade des neuen Jahrtausends präsentiert sich genauso widersprüchlich wie der Anfang des 21. Jahrhunderts selbst. Den Blick der Künstler auf diese Achterbahnfahrt zwischen Börsenboom und Finanzkrise, funkelndem Oberflächenkult und ernster Nachhaltigkeitsdebatte, amerikanischer Untergangsstimmung und asiatischer Zukunftseuphorie dokumentiert eine Ausstellung am abgelegenen Ende der Welt im australischen Brisbane zwar, aber mit beherzten Thesen.

Den Auftakt in der Eingangshalle der Gallery of Modern Art macht Mitra Tabrizian. Ihr Foto "Untitled" von 2009 zeigt eine Gruppe persischer Studenten in einer Wüstenlandschaft bei Teheran, kurz vor dem Ausbruch der Aufstände. Daneben hängt ihre Arbeit "City. London": eine Gruppe von anonymen Anzugträgern in einem Bankfoyer von JP Morgan.

So verloren die Banker wirken, so entschlossen erscheinen die Studenten für ihre Freiheit einzutreten. Montiert sind die beiden Fotoarbeiten der iranisch-britischen Künstlerin auf dem viele Meter hohen Wallpaper "Untitled (Nasdaq)" des Franzosen Claude Clonsky, das endlose Kolumnen von Börsenkursen abbildet. Noch vor der Finanzkrise entstanden, macht es deutlich, wie verwirrend und erdrückend sich die Welt der Finanzen für viele Menschen darstellt.

Ein paar Meter weiter hängt "Bruxelles" des Schweizers Beat Streuli. Die Fotoarbeit von 2006 zeigt drei Männer, die nebeneinanderher gehen, ethnisch stammt jeder aus einem anderen Teil der Welt, doch hier in der internationalen Stadt sehen sie sich nicht an, sondern laufen nur auf parallelen Pfaden. Alle drei halten den Blick gesenkt - Globalisierung hin oder her -, jeder bleibt in seiner eigenen, entkolonialisierten Welt, egal, wo er gerade lebt.

Dabei ist heute doch alles mit allem verbunden, und so geht es dem Kurator von "The 21st Century - Art in the First Decade", Nick Chambers, auch darum, die weltumspannenden Verbindungslinien zwischen Künstlern, Debatten, Themen, Medien, Märkten und Museen zu zeigen.

Der Blick der hier ausgestellten 140 Künstler aus 42 Nationen auf die Welt könnte vielschichtiger nicht sein, und doch gibt es deutlich spürbare, vorherrschende Stimmungen in der Interpretation der jüngsten Vergangenheit. Deswegen führt Chambers zu den Brennpunkten in Agra, Peking, Palermo, Bremen oder Mexico City.

Der kleinste gemeinsame Nenner in dieser globalen Kakofonie der Stimmen ist der Betrachter, als Teil der weltweit aktiven Maschinerie des Kunstbetriebs und oft auch Bestandteil der Installationen.

So steht da ein langer Tisch, auf den der Däne Olafur Eliasson für sein "Cubic structural evolution project" einfach kiloweise weiße Legosteine kippte, aus denen die Museumsbesucher die erstaunlichsten Monumente bauen.

Und die Brasilianerin Rivane Neuenschwander versteht sich fast nur noch als Maklerin zwischen den Kunstrezipienten: In ihrer Installation "I wish your wish" muss der Betrachter einen Wunsch aufschreiben und sich dann ein buntes Bändchen mit dem aufgedruckten Wunsch einer anderen Person aus einem anderen Ausstellungskontext von der Wand nehmen. Das Bändchen gilt es dann am Handgelenk zu tragen, bis es wieder abfällt.

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