Das Irrationale als Essenz des Schaffens Ohne den 11. September hätte es „Gates“ nicht gegeben: Der Stoff, aus dem die Träume sind

Das Irrationale als Essenz des Schaffens Ohne den 11. September hätte es „Gates“ nicht gegeben
Der Stoff, aus dem die Träume sind

Die Welt spricht wieder über Christo und Jeanne-Claude. Nachdem sie 1995 den Reichstag verhüllt haben, bauen sie nun 7 500 Tore im New Yorker Central Park auf, um dort safrangelbe Stoffbahnen 16 Tage lang im Februarwind flattern zu lassen. Am Samstag geht es los.

NEW YORK. Glaubt man den Gesetzen medialer Bildgewaltigkeit, beginnt für New York die Zeitrechnung nun schon zum zweiten Male neu: „n. 9/11“ – und „n. Christo“. Genauso brutal wie sich im Herbst 2001 die Passagierjets in die Twin Towers bohrten, brannte sich damals die Ikonographie des Terrors in die kollektive Retina der Fernsehöffentlichkeit. Die explodierenden Feuerbälle wurden so zum Sinnbild eines apokalyptischen Traumas, das „Image“ der geschundenen Metropolis schien für immer unauslöschlich.

Da ist es kein Zufall, dass vor rund zwei Jahren endlich bewilligt wurde, was seit 1980 beständig an den Stadtoberen scheitern sollte. Denn welch besserer Weg, um die Bilderhoheit über Manhattan zurückzuerobern, als mit 7 500 grell-orangefarbenen Sonnensegeln, die ab Samstag den Central Park in ein goldenes Winterlicht tauchen und als Medienspektakel milliardenfach durch die Gazetten flattern werden? An „Ground Zero“ hat die Vergangenheit ein Schwarzes Loch gerissen – im grünen Herzen der Stadt werden vor den Augen der Welt nun die Seelenpflaster gehisst.

Die „Gates“ – im Übrigen nicht unähnlich den mehr als 10 000 histori-schen „torii“ auf dem Tempelberg von Fushimi-Inari im japanischen Kyoto – reihen sich nahtlos ein in das Werk der Aktionskünstler Christo und Jeanne-Claude. Berühmt wurde das Paar, das in der Szene wie Superstars hofiert wird, mit „Land Art“ und Großinstallationen, etwa dem „Valley Curtain“, einer gigantischen Stoffplane, die sich im Sommer 1972 wie ein Staudamm durch ein Bergtal Colorados spannte. Es folgten die rosaroten „Surrounded Islands“ vor Key Biscayne oder die Verpackung – ganz im Sinne des Dadaismus der frühen zwanziger Jahre – der Pariser Pont Neuf. Und dann natürlich der „Wrapped Reichstag“, ein Projekt, das sich von 1971 bis 1995 erstrecken sollte und ebenfalls wiederholt am Einspruch der politischen Nomenklatura gescheitert war. Damals war es der Fall der Berliner Mauer, und nun musste auch in New York ein eruptives Weltereignis als Katalyse zur Realisierung dienen.

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