Kultur + Kunstmarkt
Das letzte Wort des Idealismus - Vor 150 Jahren starb Schelling

Im Ausland gelten die deutschen Dichter und Denker als besonders tiefgründig, schwermütig und „romantisch“. Geprägt wurde dieser Mythos in der Goethe-Zeit, die zugleich die Zeit des „Deutschen Idealismus“ war, die größte Epoche deutscher Philosophie. Kant, Fichte, Hölderlin, Schelling, Hegel: Sie alle lieferten sich einen Wettbewerb um das tief greifendste philosophische Systemprogramm. Das letzte Wort hatte Schelling, denn er, der 1775 im schwäbischen Leonberg zur Welt kam, hat alle anderen überlebt. Vor 150 Jahren, am 20. August 1854, starb er.

dpa LEONBERG. Im Ausland gelten die deutschen Dichter und Denker als besonders tiefgründig, schwermütig und „romantisch“. Geprägt wurde dieser Mythos in der Goethe-Zeit, die zugleich die Zeit des „Deutschen Idealismus“ war, die größte Epoche deutscher Philosophie. Kant, Fichte, Hölderlin, Schelling, Hegel: Sie alle lieferten sich einen Wettbewerb um das tief greifendste philosophische Systemprogramm. Das letzte Wort hatte Schelling, denn er, der 1775 im schwäbischen Leonberg zur Welt kam, hat alle anderen überlebt. Vor 150 Jahren, am 20. August 1854, starb er.

Schon während seines Studiums im Tübinger Stift, wo er mit Hegel und Hölderlin Freundschaft schloss, versuchte Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling die Widersprüche der Philosophie Immanuel Kants aufzudecken und sie in einem neuen System des gesamten Wissens zu überwinden. 1798 wurde er als 23-Jähriger Professor in Jena und schloss sich dem frühromantischen Freundeskreis der Brüder Schlegel an. Nach weiteren Stationen in Würzburg, Erlangen und München übernahm er noch im Alter von 66 Jahren einen Lehrstuhl in Berlin.

In seinem „System des transzendentalen Idealismus“ (1800) verknüpfte Schelling die „Wissenschaftslehre“ von Johann Gottlieb Fichte mit einem naturphilosophischen Ansatz. Fichte gab dem freien, seiner selbst bewussten Subjekt (dem „Ich“) Vorrang vor allem gegenständlichen Objekt (dem „Nicht-Ich“). Schelling kritisierte dies als selbstherrliche Ausbeutung und Instrumentalisierung der Natur. Die Dichter der Romantik feierten ihn daher als ihren Kronzeugen. Auch für sie ist die Natur selber beseelt und heilig und darf vom Menschen nicht zerstört werden.

Schelling suchte die absolute Einheit, die sowohl den Geist als auch die Natur gleichberechtigt umfasst. Diese Einheit sei im Verlauf der Weltgeschichte verloren gegangen, könne aber in den Werken der Kunst wieder angeschaut werden. Während Schelling diese Einheit von Sein und Bewusstsein als Ur-Anfang versteht, verlegte Hegel sie an das Ende des dialektischen Geschichtsprozesses. Karl Marx interpretierte dieses Ziel später als Einheit aller Klassen, als klassenlose Gesellschaft.

Für viele Forscher steht heute fest, was der Tübinger Philosoph Walter Schulz 1954 erkannt hat: Nicht mit Hegel, sondern mit dem späten Schelling erreichte der Idealismus seine Vollendung. Recht haben nicht die Allmachtsfantasien der hegelschen Vernunft, die alles zu begreifen vermeint, sondern Schellings Ideen zu einer Selbstbeschränkung der Vernunft, die ihre eigenen Grenzen erkennt.

Hellsichtig hat der Sohn einer pietistischen Pfarrerfamilie vor dem technischen Machbarkeitswahn gewarnt, dessen Auswirkungen heute jedem sichtbar sind: Öko-Kollaps, Genmanipulation, atomare Gefahr. Kein Wunder also, dass eine regelrechte Renaissance der Philosophie Schellings eingesetzt hat. Nach dem Zusammenbruch des Marxismus wurde sie von vielen Denkern neu entdeckt, nicht nur im ehemaligen Ostblock, sondern auch in Ländern wie Spanien und Japan.

Das wachsende Unbehagen über die in den 70er und 80er Jahren führende analytische Philosophie angelsächsischer und amerikanischer Herkunft hat dem schwäbischen Meisterdenker ebenfalls neue Aktualität verliehen. Die Metaphysik-Kritik ist schal geworden. Viele Intellektuelle suchen nach einer neuen, nachmetaphysischen Metaphysik. Schelling bietet dafür hervorragende Ansätze.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%