DBC Pierre
„Da rennen viele mit Kalaschnikows rum“

Am Anfang ist es schwierig, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Der Autor DBC Pierre flirtet am Messestand mit den Mitarbeiterinnen des Aufbau-Verlags "Hallo Schnuckelchen, Katja, wie geht es Dir heute? Herzlich willkommen? Hast Du gut geschlafen?" Dann ist er aber doch bereit für ein kurzes Interview über sein neues Buch "Bunny und Blair".

Handelsblatt: Sie haben mit Ihrem Debütroman "Jesus von Texas", der 2003 erschien, einen Überraschungserfolg gelandet. Das Buch, in dem es um ein Schulmassaker in Texas geht, wurde mit dem renommierten Bookerprize ausgezeichnet. War der Druck vor dem zweiten Buch da nicht unwahrscheinlich hoch?

DBC Pierre: Es gab schon ein bisschen Druck, vor allem vom Verleger. Er wollte, dass ich schnell ein neues Buch nachlege. Durch die ganze Aufmerksamkeit und die Publicity rund um Jesus von Texas haben wir aber fast ein Jahr verloren.

Und inhaltlich nachzulegen, war das schwer?

Ich habe die ganze Zeit gewartet, dass dieser "Zweites-Buch-Erwartungsdruck" mich endlich erreicht, aber er kam nicht. Es hat mir sehr geholfen, dass ich schnell eingesehen habe, wie viel Glück ich bei meinem ersten Buch hatte. Ich habe den Vertrag mit dem Verlag am 11. September 2001 unterschrieben. Die Anschläge und alles, was danach kam, haben das Bild, das die Welt von den USA hat, sehr verändert. Für das Buch war das sehr nützlich. Wahrscheinlich kam der Druck nicht, da man so etwas sowieso nicht nachahmen kann.

Ihr neues Buch, "Bunny und Blair", handelt von siamesischen Zwillingen, die in England in einem Heim aufwachsen, und erst im Alter von 33 Jahren getrennt werden. Wie kamen sie auf dieses Thema?

Naja, das ist die Arbeit eines Romanautors, oder? Im Ernst, ich war auf der Suche nach einem Symbol unserer Zeit. Aber viele Symbole heutzutage sind so lächerlich und offensichtlich. Daher habe ich überlegt, wie bekomme ich das Symbol in die Charaktere. Mit Bunny und Blair habe ich zunächst sozusagen eine Person, die sowohl konservativ als auch liberal ist. Nach der Trennung leben die Eigenschaften in jeweils einer Person fort.

Sie schicken die beiden im Laufe der Geschichte in eine erfundene ehemalige Sowjetrepublik in der Kaukasusregion. Warum sind Engländer so fasziniert von Ländern der ehemaligen Sowjetunion? Erst kommt Sacha Baron Cohen in Borat mit seiner Version von Kasachstan und jetzt Sie mit dem Kaukasus?

Mir ging es eigentlich wieder darum, ein Symbol zu finden. Der Kaukasus ist für mich die Grenze zwischen Ost und West, aber der Grenzverlauf ist nicht eindeutig, es geht hin und her. Dort lebt ein unüberschaubarer Mix von verschiedenen Völkern mit eigenen uralten kulturellen Traditionen. Außerdem wollte ich ein Umfeld haben, das unter den Nachwirkungen eines Bürgerkrieges und unglaublicher Armut leidet.

Was wollten sie denn in diesem Umfeld zeigen?

Es gibt diese große Diskrepanz zwischen Ost und West. Wir als Repräsentanten der modernen westlichen Welt sind unglaublich ignorant geworden. Wir denken, dass sind alles Hinterwäldler, die nur darauf warten, von uns vergewaltigt zu werden. Wer mal vor Ort war, weiß, dass die Leute dort viel härter arbeiten als wir, nur um zu überleben. Sie mussten teilweise mitansehen, wie in Bürgerkriegen, Familienmitglieder vor ihren Augen getötet wurden. Trotzdem bekommen sie es hin, am morgens Tee zu kochen ihre Kinder anzuziehen und sie zur Schule zu schicken. In England bezeichnen wir es doch schon als Tragödie oder Katastrophe, wenn sich unser Rückflug aus Malaga wegen eines Streiks um 24 Stunden verschiebt und wir eine Nacht auf einem spanischen Flughafen verbringen müssen.

Sie sind einige Wochen in der Region gewesen. Warum haben sie sich entschieden eine eigene Kaukasusrepublik zu erfinden?

Zunächst mal rennen dort eine ganze Menge Leute mit Kalaschnikows rum. Da muss man vorsichtig sein. Außerdem wollte ich niemanden beleidigen. Da ist es dann von Vorteil, wenn man sich ein Land einfach erfindet. Außerdem ist es auch nicht mal besonders unrealistisch. Denn da unten spalten sich beinahe wöchentlich irgendwelche Teilrepubliken ab.

DBC Pierre: Bunny und Blair, Aufbau-Verlag, Berlin 2007, 392 Seiten, 19,90 Euro

Til Knipper
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Handelsblatt / Redakteur
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