Debüt in Hamburg
Schweiger holt mit Action-Tatort Quotenrekord

TV-Deutschland diskutiert Schweigers Tatort-Debüt, das die besten Quoten der Serie seit 20 Jahren holte: Das Konzept aus Action, Beziehungsstress, schlichtem Humor und groß gemeinten Kino-Gesten funktionierte.
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In aller Munde ist die ARD-Sonntagskrimi-Reihe „Tatort“ sowieso, ob nun Jan Josef Liefers und Axel Prahl Klamauk in Münster veranstalten oder jahrzehntelang bewährte südwestdeutsche Kommissarinnen am Ende immer die am wenigsten verdächtig erscheinende Nebenfigur des rätselhaften Mordes vom Anfang überführen. Die Folge „Willkommen in Hamburg“ von vergangenen Sonntag wird allerdings heißer thematisiert als die Vorgänger.

Deutschland diskutiert den ersten Fall des Hamburger Kommissars Nick Tschiller: die überschaubare Handlung, die genuschelte Kommunikation des Helden (insbesondere mit seiner Tochter), die sich versuchsweise an Bruce-Willis-Filme orientierende große Portion Action mit hoher Tötungstaktung (gleich drei Leichen in der Eröffnungsszene).

Die Einschaltquoten waren wie erwartet ausgezeichnet. 12,57 Millionen Zuschauer schalteten um 20.15 Uhr „Willkommen in Hamburg“ ein. Der Marktanteil betrug 33,5 Prozent: ein Rekord. In den vergangenen 20 Jahren erzielte kein Tatort bessere Werte. Somit interessierte sich jeder dritte TV-Zuschauer für den Fall.

Damit lagen Schweiger und sein Kollege Fahri Yardim als Kommissar Yalcin Gümer noch vor dem Münsteraner „Tatort“-Gespann mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl, die mit ihrem Fall „Das Wunder von Wolbeck“ am 25. November 2012 im Schnitt 12,19 Millionen Zuschauer interessierten.

Die Bestmarken des Hamburger Duos Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) konnte Schweiger jedoch nicht knacken: Den Rekord nach dem Start der Messung im wiedervereinten Deutschland in allen 16 Bundesländern Mitte 1992 hält der Krimi „Stoevers Fall“ am 5. Juli 1992 mit 15,86 Millionen Zuschauern. Am 25. September 1993 erreichten sie noch einmal 12,83 Millionen Menschen.

Der Schweiger-Film entpuppte sich vor allem beim jüngeren Publikum als Hit: Bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren betrug der Marktanteil nach Angaben der Marktforschungsfirma Media Control (Baden-Baden) 33,8 Prozent.

Unter den Bundesländern war die Resonanz in Schleswig-Holstein (46,8 Prozent), Hessen (43,2 Prozent), Hamburg (41,3 Prozent) und Bremen (40,6 Prozent) laut Media Control am besten, in Sachsen-Anhalt (15,3 Prozent) und Sachsen (23,1 Prozent) am schwächsten.

Der erste Quotenerfolg ist kein Wunder: Schließlich hat der NDR mit Til Schweiger den erfolgreichsten deutschen Kinostar für die erfolgreichste Krimireihe verpflichtet. Seit Ende 2011 bekannt wurde, dass er TV-Kommissar wird, taucht die Kombination Til Schweiger und „Tatort“ regelmäßig in den Schlagzeilen auf.

Thema ist dabei alle: Der Inhalt des Krimis, in dem an Action mit „letalem Ausgang“ in der Tat kein Mangel herrscht, und um so Skurriles wie den Nachnamenstausch von „Tschauder“ zu „Tschiller“, den Schweiger kurz vor Drehstart für seine Rolle vornahm. Und natürlich das Geld: Es handele sich um „den teuersten 'Tatort' aller Zeiten“, titelte die „Bild“-Zeitung vor Drehstart im Herbst 2012 und kolportierte ein Zwei-Millionen-Euro-Budget. Der NDR dementierte diese Zahl, bestätigte aber, dass der Schweiger-Film teurer sei als normale „Tatorte“. Seither ist zumindest der Durchschnitts-Preis von 1,3 bis 1,5 Millionen für einen „Tatort“ publik.

Dass Schweiger wie bei seinen Kinofilmen Einfluss weit über den Nachnamen hinaus hatte, war von Anfang an klar. Lutz Marmor, der Intendant des zuständigen NDR und derzeitige ARD-Vorsitzende, erhoffte sich ausdrücklich „einen Hauch von Hollywood“ und Orientierung am amerikanischen Genrekino.

So waren direkt auch diverse Schweiger-Kinofilmpartner dabei – darunter Luna Schweiger, die 16-jährige Tochter des Stars, die in sechs von ihrem Vater mit sich selbst in der Hauptrolle inszenierten Kinofilmen auftrat und gerade von mehr als zwei Millionen Zuschauern in „Kokowääh 2“ gesehen wurde.

Zumindest vier Tage lang soll Til Schweiger sogar im Schneideraum des Fernsehkrimis dabei gewesen sein, berichtete der „Spiegel“. Kurz: Schweiger agiert wie ein Produzent seines „Tatort“-Krimis und hatte offenbar alles unter Kontrolle.

Zwar hat er mit seinen Produktionsfirmen Mr. Brown Entertainment und barefoot films seit 1997 tatsächlich 15 Kinofilme produziert. Den „Tatort“ jedoch nicht – wegen des für seine Verhältnisse „extrem engen finanziellen Rahmen beim Fernsehen“, wie er in einem „Spiegel Online“-Interview betonte. Dass deutsche Fernsehproduzenten Dienstleister der auftraggebenden Sender sind, wenig zu sagen haben und über sinkende Margen klagen, weiß Schweiger.

Als Produktionsfirma agiert aber auch nicht, wie sonst bei den Hamburger, Hannoveraner und Kieler „Tatorten“, die 100-prozentige NDR-Tochter Studio Hamburg, sondern Constantin Television, der TV-Produktions-Zweig der Constantin-Medien. Dieses Unternehmen ist aus der vom 2011 verstorbenen Bernd Eichinger gegründeten Constantin-Film, dem Rechtehändler EM-Sport und der schweizerischen Highlight Communications entstanden; zu den Großaktionären zählte der Medienmogul Leo Kirch.

Aufsichtsratsvorsitzender ist Fred Kogel - der einstige Radiomoderator, der als Ex-ZDF-Unterhaltungschef und Sat.1-Geschäftsführer zu einem der bekanntesten deutschen Medienmanager aufstieg. Als Partner des Late-Night-Moderators Harald Schmidt in der Kogel & Schmidt GmbH ist er immer noch im Produktionsgeschäft. Außerdem ist Kogel mit seiner Fred Kogel GmbH exklusiver Berater von „renommierten nationalen und internationalen Medienunternehmen und Medienschaffende in sämtlichen Medienbereichen“ - als Beispiel nennt sein Internetauftritt Til Schweiger.

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  • Ach übrigens: Habe eben "Wer wird Millionär gesehen." Bei 500.000 Euro fragt das Pokerface nicht mal nach, wie sicher sich der Publikumsjoker ist? Die 1 Mio-Frage wußte er dafür natürlich schon vorher. Mmmmh, ich weiß Bescheid.

    Jauch zelebrierte förmlich die gesamte Sendung, alles paßte. Sogar der nicht mehr benötigte Telefonjoker, der hinterher noch angerufen wurde, "funktionierte" unter Showgesichtspunkten tadellos. Ja, solche "echten" Zufälle seh ich gern.

  • Das war also "Ganz großes Kino,..." ???

    Für mich ist absolut jeder Tatort Mist, in dem der Kommissar mal wieder ganz persönlich in einen Fall eingebunden ist. Hier wars nun Tschiller, der seinen Ex-Kollegen, der die Seiten gewechselt hat, wieder trifft.

    Frage an die Drehbuchautoren: Wie oft kommt so etwas in der Realität vor, die persönliche Verstrickung meine ich? Antwort: So gut wie NIE!!!

    Immer und immer wieder fällt dem Hauptermittler die Leiche buchstäblich vor die Füsse, und dann gehts los: "Die kenn ich doch." Boooah, unfaßbar dämlich so ein Anfang.

    Echte Kommissare sitzen zu Hause und haun sich vor Lachen auf die Schenkel. Im Tatort weicht James-Bond-Tschiller natürlich tausenden Maschinengewehrkugeln aus, er hat halt 'n gutes Auge ; )

    Mein Tipp: "Mord mit Aussicht." Ein herrliches Dreigestirn, das da spielt.

    Immerhin hatte der gestrige Tatort relativ normale Farben. Wenn ich nochmal so einen blaßblaugrauen Tatort sehe, schalte ich sofort um. Designerfilme brauche ich nicht, ich will Krminaler bei der manchmal wohl furztrockenen Ermittlungsarbeit sehen, mehr nicht.

  • Dahin gehen also unsere GEZ-Gebühren!

    Ich finde das ist Bildungsauftrag vom feinsten!

    Am 23.03.13 ist übrigens bundesweiter Aktionstag gegen die Rundfunkgebühren. Wer noch nicht vor dem Fernseher mumifiziert ist, sollte sich anschließen!

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