Demographischer Wandel
Provokantes gegen Schwarzmalerei

Die Deutschen sterben aus, die Sozialsysteme kollabieren und wir stehen kurz vor einem Krieg der Generationen: Horrorszenarieren wie diese sind dieser Zeit äußerst populär. Drei neue Bücher wollen dagegen aufzeigen, dass der demographische Wandel kein Albtraum für die Volkswirtschaft sein muss.

DÜSSELDORF. Auf den ersten Blick scheinen die Fakten für diese Horrorszenarien zu sprechen. Wegen der Geburtenrate, die seit Jahrzehnten niedriger wird, sinkt die Bevölkerungszahl bis 2050 um fast zehn Prozent, und der Anteil der Rentner steigt erheblich. So berechnete es das Statistische Bundesamt.

Mit dem provokanten Untertitel „Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist“ stellt sich der Soziologe Karl Otto Hondrich, der Anfang des Jahres gestorben ist, in seinem – posthum veröffentlichten – Buch dieser Schwarzmalerei entgegen. Er betont, dass diese Entwicklung kein typisch deutsches Krisensymptom ist. Denn alle Industrieländer verzeichnen sinkende Geburtenraten, die ohne Zuwanderung zum Bevölkerungsrückgang führen.

Hondrich geht sogar noch einen Schritt weiter und stellt einen kausalen Zusammenhang zwischen der steigenden Produktivität in der Wirtschaft und der sinkenden Geburtenrate her, weil in allen Ländern Wirtschaftswachstum mit einer geringeren Kinderzahl einhergeht. In Deutschland lag sie zum Beispiel am Ende des 19. Jahrhunderts noch bei fünf Kindern je Frau. Anfang der 1970er-Jahre wurden noch mehr als zwei Kinder geboren, heute sind es noch 1,4.

Seit drei Jahrzehnten gibt es also weniger Nachwuchs, als zur Stabilisierung der Bevölkerungszahl notwendig ist. Dies ist das Neue an der heutigen Situation: Früher wuchs die Bevölkerung lediglich langsamer, wenn die Kinderzahl zurückging.

Hondrich ignoriert die Schwierigkeiten keineswegs, die der neue demographische Wandel für die Wirtschaft und die sozialen Sicherungssysteme mit sich bringt. Allerdings vertraut er als Soziologe auf die Selbstregulierungsfähigkeit der Gesellschaft. Sinkender Binnenkonsum kann – so seine Analyse – durch steigende Exporte kompensiert werden, das geringere Arbeitskräfteangebot durch qualifizierte Zuwanderung und eine höhere Frauenerwerbstätigkeit. Die Produktivität ist durch eine erhöhte Kapitalintensität je Arbeitsplatz zu steigern.

Seite 1:

Provokantes gegen Schwarzmalerei

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%