Demokratie
Optimismus, der sich aus Geschichte speist

Wolfrum, Professor für Zeitgeschichte an der Uni Heidelberg, unterscheidet in seinem Buch drei große Phasen, die Deutschland prägten: die Zeit der "Stabilisierung" während der Adenauerschen Kanzlerdemokratie, die "Pluralisierung" der Gesellschaft ab Mitte der 60er-Jahre und schließlich die "Internationalisierung" seit Mitte der 80er-Jahre bis heute.

DÜSSELDORF. Anlass, aus dem Staunen nur schwer herauszukommen, gibt es reichlich: Dass sich Deutschland vom Paria der Weltgemeinschaft zum anerkannten Mitglied derselben mausern würde, war nach dem Zivilisationsbruch infolge der Nazi-Herrschaft keineswegs ausgemacht. Und doch: Es folgte eine große Kontinuität der Institutionen, der Eliten und der Außenpolitik, begleitet von wachsender sozialer Sicherheit über Jahrzehnte. So verhehlt Edgar Wolfrum seine Bewunderung für die "Geglückte Demokratie" in seinem gleichnamigen Buch nicht. Freilich, es ist die professionelle Bewunderung des Historikers, der die Zustände während der zurückliegenden sechs Jahrzehnte eingehend unter die Lupe genommen hat. Herausgekommen ist eine dichte, stets flüssig zu lesende Gesamtdarstellung von 1945 bis in unsere Tage - sogar die Liste des Kabinetts Merkel ist im Anhang schon enthalten.

Wolfrum, Professor für Zeitgeschichte an der Uni Heidelberg, unterscheidet in seinem Buch drei große Phasen, die die Bundesrepublik prägten: die Zeit der "Stabilisierung" während der Adenauerschen Kanzlerdemokratie, die "Pluralisierung" der Gesellschaft ab Mitte der 60er-Jahre und schließlich die "Internationalisierung" seit Mitte der 80er-Jahre bis heute. Bürger der DDR finden sich nur am Rand wieder - erst mit dem Systemwandel, dem "dramatischen Prozess der Selbstbefreiung" dürfen sie sich gewürdigt fühlen. 1989 als Bruch? Deutschland habe sich stets gewandelt, das habe zu seiner Stabilität beigetragen, schreibt Wolfrum. Vor diesem Hintergrund wiederum konnte sich die Integrationskraft der Bundesrepublik erst entfalten.

Neben der "großen Politik" widmet sich Wolfrum der Alltags- und Sozialkultur. Das macht sein Buch besonders lesenswert. Ihm gelingt eine perspektivisch vielseitige Darstellung, in der sich auch Leser mit eigenen Erfahrungen wiederfinden können. Das Themenspektrum reicht von der Sozialpolitik als Konsensstifterin in den 50er-Jahren über die Kommerzialisierung der Kultur in den 70ern und neue Sozialbewegungen in den 80er-Jahren bis zur Debatte um die Erinnerungskultur im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Wolfrums Draufsicht auf Deutschland lässt gegenwärtige Probleme nicht gar so gewaltig erscheinen, wie es Talkshows und Berufspessimisten suggerieren. So schließt das Buch hoffnungsfroh: "Entgegen der periodisch aufblühenden Krisen- und Verdrossenheitsdebatte, welche die Republik in jedem Jahrzehnt ihres Bestehens in unterschiedlicher Ausprägung immer begleitete und die auch heute wieder vorherrscht und wichtig ist, weil sie neue Ideen hervortreibt", schreibt Wolfrum, "ist am Ende doch Zuversicht angebracht: dass die geglückte Demokratie nicht der Vergangenheit angehört." Optimismus, der sich aus Geschichte speist - das tut gut.

EDGAR WOLFRUM: Die geglückte Demokratie - Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart Klett-Cotta, Stuttgart 2006, 694 Seiten, 29,50 Euro

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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