Den typischen Sammler gibt es nicht
Die schönsten Garagen der Welt für Oldtimer

Briefmarkensammler enthüllen ihre Schätze vorzugsweise beim trauten Tête-à-tête. Sammler von Oldtimern hingegen suchen die Öffentlichkeit. Teil zwei der Serie „Oldtimer sammeln“ stellt die spektakulärsten Museen vor.

Ob Bugatti, Rolls Royce oder Mercedes – die Gebrüder Schlumpf mussten sie haben. Die Sammelleidenschaft der elsässischen Textilunternehmer Hans und Fritz Schlumpf war grenzenlos.

Und ruinös.

Obwohl es in der Branche heftig kriselte, investierten sie Millionen in Oldtimer statt in ihre Firma in Mühlhausen. Als die 1976 Pleite ging, setzten sich die Brüder in die Schweiz ab, und aufgebrachte Arbeiter stürmten die Halle, in der zwischen künstlichen Alleebäumen Hunderte von Oldtimern parkten.

Der französische Staat erklärte die Schlumpfsche Hinterlassenschaft kurzerhand zum historischen Kulturgut, und so blieb sie der Grande Nation erhalten. Heute ist die Schlumpf-Collection eine der bedeutendsten Ausstellungen in Europa. Die ältesten Autos der Sammlung stammen aus dem 19. Jahrhundert, allein rund hundert Bugattis haben sich die Brüder in den 15 Jahren ihrer hemmungslosen Leidenschaft gegönnt. Glanzstück: ein blau-schwarzes 41er Royale Napoléon Coupé, eine sieben Meter lange Limousine.

Im Fond des halb offenen Rolls Royce Silver Ghost, den die Sammlung ebenfalls beherbergt, saß einst Charlie Chaplin – auch der Meister des Stummfilms hatte eine Vorliebe für exquisite Gefährte.

Die Passion für Oldtimer infiziert viele, auch wenn sie nicht immer so ausartet wie im Fall Schlumpf. In Deutschland gibt es rund 170 öffentliche Sammlungen. Ein Drittel davon wird von öffentlichen Einrichtungen und Autofirmen getragen. Den Rest haben Privatleute oder Vereine zusammengesucht.

„Den typischen Sammler gibt es nicht“, meint Dieter Lammersdorf, Autor eines Oldtimermuseums-Führers. Für die einen seien Oldtimer am Anfang nur ein zeitintensives Bastlerhobby, für die anderen eine schöne Möglichkeit, ihr Geld auszugeben. Bei manchen aber werde daraus eine lodernde Leidenschaft, oft für eine ganz bestimmte Marke. Fachmann Lammersdorf selbst ist genügsam – ihm reichen zwei Heinkel-Kabinenroller.

Das Sammelfieber der Familie Edler von Graeve aus Dortmund wurde durch einen Jaguar E-Typ Serie 1 geweckt, von Kennern „Jerry Cotton“ genannt. Zehn weitere Oldtimer folgten, die meisten mit der silbernen Großkatze auf der Kühlerhaube. Für die Objekte seiner Begierde ließ Adolf Edler von Graeve (64) eine standesgemäße Garage bauen, aus der 1999 das Automobil-Museum Dortmund wurde.

„Bei uns stehen immer zwischen 40 und 50 Oldtimer“, sagt Barbara Edle von Graeve, Tochter von Adolf und Leiterin des Museums. Die gehören nicht alle der Industriellen-Familie, auch andere Oldtimer-Besitzer stellen ihr wertvolles Stück im Museum unter. „Die schönste Garage der Welt“, schwärmt sie.

Dass Jaguar die favorisierte Marke der Adels-Familie ist, zeigt sich auch in der museumseigenen „Jaguar“-Bar, dort wird das Bier aus einem umgebauten Jaguar-Motorblock gezapft. Die angeschlossene Trattoria hingegen huldigt einem berühmten italienischen Autorennen: Sie heißt „Mille Miglia“.

Der italienische Rennsport stand, gemeinsam mit dem deutschen, auch Pate bei einer umfangreichen Sammlung antiker Rennwagen. Die Rosso-Bianco Collection in Aschaffenburg ist benannt nach den ehemaligen italienischen (rot) und deutschen (weiß) Rennfarben. Über 200 Straßen- und Rennsportwagen hat Museumsinhaber Peter Kaus in acht Hallen zusammengetragen: Aston Martin, Bugatti, De Tomaso, Lamborghini, Lotus, Maserati, MG, Sauber-Mercedes – 50 Marken sind hier ausgestellt.

Gegründet wurde das Museum 1987, damals hatte Kaus schon zwei Jahrzehnte Sportwagen gesammelt – „aus Leidenschaft: In diesen Wagen sind Technik und Ästhetik in perfekter Symbiose vereint“, schwärmt der 67-Jährige, der früher in der Autozuliefererbranche arbeitete. Mit der Kollektion will er „zum Erhalt des Automobils als Kulturgut“ beitragen.

Und so finden sich bei Rosso Bianco mehr als zwei Dutzend Modelle, die die Letzten ihrer Art sind, so zum Beispiel der Maybach SW 38, ein viersitziges Cabriolet mit zwei Türen aus dem Jahr 1937.

Neben den PS-starken Wagen gibt es in Kaus’ Museum auch Stücke ganz besonderer Antriebsart: rund 50 Blech-Tretautos für Kinder – inklusive dem kleinen blechernen Rolls Royce von Königin Elisabeth II. von England.

Alte Auto-Schätze kann der Fan nicht nur in den privaten Sammlungen besichtigen, sondern auch in staatlichen Einrichtungen – wie der Autoabteilung des Deutschen Museums München – und in den firmeneigenen Museen von Autoherstellern, etwa von Mercedes, Porsche, BMW und VW.

In Stuttgart-Untertürkheim stehen der Benz-Patent-Motorwagen und die Daimler-Motorkutsche neben Automobilen aus dem Jahr 1886 – einige der ältesten Autos der Welt. Zur Sammlung gehören Meilensteine der Automobilgeschichte wie der Mercedes Simplex, das erste Auto mit elektrischer Beleuchtung, und der 25-mal gebaute 500 K Spezialroadster.

Seinen Platz hat hier auch W 25, der legendäre erste Silberpfeil. Der war ursprünglich gar nicht silbern, sondern weiß. Doch als bei einem Rennen kurzfristig die Gewichtsvorgabe geändert und der W 25 als zu schwer befunden wurde, ließen sich die Ingenieure Legendäres einfallen: Sie schmirgelten die weiße Farbe ab, der ein Kilo leichtere Wagen erglänzte in silbernem Aluminium. Die Schmirgelspuren sind auch heute noch deutlich zu sehen.

Das größte Oldtimermuseum Europas ist aber das Auto & Technik Museum im baden-württembergischen Sinsheim. Über 3 000 Exponate aus der Technikgeschichte sind auf einer Fläche von 30 000 Quadratmetern ausgestellt: mehrere Hundert Motorräder und Autos, 20 Lokomotiven und 60 Flugzeuge.

Sinsheim beherbergt auch die größte ständige Formel-1-Ausstellung Europas. Und seit dem 20. Juli den Überschall-Jet Concorde. Er beweist, dass Sammelleidenschaft nicht immer teuer sein muss: Die Concorde hat gerade einmal einen Euro gekostet. Allerdings haben Überführung und Aufbau 1,5 Millionen Euro gekostet.

Der dritte Teil unserer Serie erscheint am 29. August im Weekend Journal.

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