Der Abwurf der Atombombe über Hiroshima liegt 60 Jahre zurück – bis heute ist das Thema brisant und aktuell
Das Grauen erhält einen Namen

Der Park Shukkei-en ist heute wieder eine wunderschöne Oase des Friedens im Herzen der modernen Stadt Hiroshima. Er wurde nach dem Krieg sorgfältig wieder angelegt. Alles sieht fast genauso aus wie einst." Mit dieser Passage schließt Stephen Walker sein Buch "Hiroshima - Countdown der Katastrophe". Das liest sich so, als sei fast nichts geschehen, als hätte am Morgen des 6. August 1945 das Grauen keinen Namen erhalten.

HB DÜSSELDORF.Walker, der in Harvard Geschichte studierte, ist Dokumentarfilmer. Und als solcher schildert er in einer Art Tagebuch fast minutiös, wie in den amerikanischen Führungsetagen von Politik, Militär und Laboratorien endgültig der Plan reifte, den Krieg gegen Japan zu beenden - mit Hilfe eines Schlages, der eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit einleiten sollte: das Leben mit der Atombombe.

Der Leser erfährt viel darüber, welche Zweifel und Skrupel die Protagonisten vor diesem Schritt plagten - aber noch viel mehr über deren Skrupellosigkeit und zügellosen Ehrgeiz. Dies wird unter anderem durch einen Aufruf an das japanische Volk dokumentiert, den der amerikanische Rundfunk unmittelbar nach dem Abwurf der Bombe sendete: Die USA seien nicht im Krieg gegen das Volk, sondern gegen die japanische Regierung. Mit Blick auf die 100 000 Menschen, die allein in Hiroshima innerhalb einer Sekunde getötet wurden, muss einem zwangsläufig die Vokabel "pervers" durch den Kopf schießen.

Walker enthält sich weitgehend der Kommentare, lässt selten Gefühle erkennen. Dass der Pilot Paul Tibbets das Flugzeug, aus dem das Unheil auf Hiroshima regnete, mit dem Namen seiner Mutter, Enola Gay, schmückte, dass die Bombe selbst "Little Boy" und jene, die über Nagasaki gezündet wurde, "Fat Man" hieß, ist für ihn wichtiger. Und jene Passagen, in denen sich der Engländer tatsächlich dem menschlichen Leid zuwendet, lesen sich oft wie lästige Pflichtübungen.

Während Walker, dessen Buch vom Verlag als "Thriller" bezeichnet wird, seine Recherchen in Japan und in den USA überwiegend in den Jahren 2004 und 2005 betrieb, ist John Hersey zeitlich wesentlich näher am grausigen Geschehen. Er schrieb sein Buch bereits 1946; es ist jetzt, ebenfalls mit dem Titel "Hiroshima", als Nachdruck erschienen. Der Träger des Pulitzer-Preises war damals vom Magazin "The New Yorker" nach Hiroshima entsandt worden.

Hersey zeichnet das Schicksal von sechs Menschen nach - unter ihnen ein deutscher Jesuitenpater. Sie sahen die Bombe fallen, überlebten die Wahnsinnskatastrophe aber, wenn auch teilweise schwer verletzt. Hautnah taucht der Leser in das Leben Hiroshimas ein Jahr nach dem Krieg ein. Hersey gewährt Blicke in Krankenhäuser, überfüllt mit Verstümmelten und Brandopfern - der Leser hört förmlich Kinder schreien. Der Autor zeigt ungeschminkt, was die Bombe bewirkt hat.

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