Der Brite Harold Pinter erhält die höchste literarische Auszeichnung
Nobelpreis für einen streitbaren Dramatiker

Ein schöneres Geschenk ist kaum denkbar: Nur drei Tage nach seinem 75. Geburtstag hat der britische Dramatiker Harold Pinter gestern den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen. Die Schwedische Akademie in Stockholm begründete ihre überraschende Wahl mit der Fähigkeit Pinters, "in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz" freigelegt zu haben und "in den geschlossenen Raum der Unterdrückung" eingebrochen zu sein.

HB STOCKHOLM. Pinter, so die Akademie, sei der hervorragendste Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Der Sohn eines jüdischen Schneiders gilt als ein streitbarer Dramatiker, der sich privat, aber auch in seinen Dramen, Drehbüchern, Erzählungen und Essays immer wieder gegen die Unterdrückung, für Menschenrechte und gegen Krieg engagiert hat. Der zornige alte Mann trat gegen den Irak-Krieg ein und bezeichnete die USA als "brutale und bösartige Weltmaschine". Seine linksliberale Haltung machte er auch in einer seiner letzten Arbeiten, "Krieg" (2003, Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins), deutlich.

Pinter hat in seinen fast 30 Bühnenstücken den Alltag normaler Menschen, ihre Schwächen, ihre Stärken beschrieben. Dabei sind ihm Sprache und Emotionen der Geschilderten so wichtig, dass er zu dramaturgisch ungewöhnlichen Mitteln wie langen Pausen oder abgebrochenen Sätzen greift. In einem seiner in Deutschland bekanntesten und häufig gespielten Stücke, "Der Hausmeister" (1990, Rowohlt), zeigt er eindrucksvoll mit seinen drei Hauptfiguren Aston, Mick und Davies, wie Sprache als Waffe zur Erlangung von Macht eingesetzt werden kann: Zwei Brüder nehmen einen Obdachlosen auf, gewähren ihm nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern bieten ihm auch den Job als Hausmeister an. Zwischen den Dreien entwickelt sich ein bizarres Ränkespiel um Herrschaft und Besitznahme. Das Stück gilt mittlerweile als Bühnenklassiker.

Treffender als in "Der Hausmeister" hätte man das Innenleben der altehrwürdigen Schwedischen Akademie auch nicht schildern können. Vielleicht wurden ja deshalb die Juroren auf den Briten aufmerksam. Was sich seit einiger Zeit in der für die Vergabe der Literaturnobelpreise verantwortlichen Institution abspielt, hätte Vorlage für ein Pinter-Stück sein können: Zwar sind die Protagonisten keine Penner oder Gestrauchelten der Gesellschaft, doch seit Jahren spielen sich im innersten Zirkel der Akademie Machtkämpfe ab, die den perfekten Stoff für den großen Intrigenroman liefern können.

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