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Der depressive Ökonom

Er wurde als glänzender Ökonom gefeiert und war zugleich ein erfolgloser Finanzminister und Bankier. Er gab sich gern als Dandy der die Frauen faszinierte und war gleichzeitig von Selbstzweifeln zerfressen. In ihrer Biografie über Joseph A. Schumpeter, beleuchtet Annette Schäfer die Schattenseiten des heute vor 125 Jahren geborenen Lebemanns.

DÜSSELDORF. Was ist von einem Mann zu halten, der regelmäßig zu seiner toten Mutter und seiner verstorbenen Frau betet und die beiden dabei als seine „Hasen“ anspricht? Der in sein Tagebuch schreibt: „Oh Herrin und Mutter, seid über mir! Und lasst mich nicht blamieren in der Mathematik.“

Dieser Mann war Joseph Alois Schumpeter, geboren am 8. Februar 1883 in Mähren, gestorben am 8. Januar 1950 in den USA. Ein Mann, der als glänzender Ökonom gefeiert wurde, sich in Österreich erfolglos als Finanzminister und als Bankier versuchte, in Kairo als Anwalt wirkte und nach einer Zwischenstation als Professor in Bonn viele Jahre im amerikanischen Harvard lehrte.

Ein Mann, der auftrat wie ein Dandy und Pferde liebte, seine amerikanischen Freunde im Krieg mit Sympathien für Deutschland verwirrte und faszinierend auf Frauen wirkte, die er gnadenlos einspannte, um seine völlige Unfähigkeit in Alltagsdingen zu kompensieren; seine dritte Frau Elisabeth, eine exzellente Ökonomin, diente ihm als Haushälterin und Köchin, verwaltete seine Finanzen, chauffierte ihn und duldete ein Foto seiner verstorbenen, vergötterten zweiten Frau Annie auf dem Nachttisch.

Schumpeter ist der Nachwelt vor allem als Stichwortgeber für die Verfechter der freien Marktwirtschaft in Erinnerung geblieben. Er feierte den Unternehmer „als Mann der Tat“ und verglich ihn mit dem „großen, schaffenden Künstler“. Außerdem pries er den Kapitalismus und „die Kraft der schöpferischen Zerstörung“. So heißt auch eine neue, sehr lesenswerte Schumpeter-Biografie von Annette Schäfer.

Erstmals kommen darin Tagebuchaufzeichnungen an die Öffentlichkeit, die in einer veralteten Kurzschrift verfasst waren und daher mühsam von Experten entziffert werden mussten. Es wird ein Mensch sichtbar, der von Selbstzweifeln zerquält war, der sich permanent unter Leistungsdruck setzte und sich nach außen hin zwar für den besten Ökonomen der Welt hielt, insgeheim aber das Gefühl hatte, nichts Wesentliches zu leisten.

Die Autorin zeichnet sein bewegtes Leben einfühlsam und mit vielen Details nach. Sie lässt spüren, dass Schumpeter im Grunde heimatlos blieb: vom Lebensstil her dem aristokratischen Wien der Donaumonarchie verhaftet, in seinen politischen Ansichten nebulös und in seinen Beziehungen schwankend zwischen Anklammern und verletzender Gefühlskälte.

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