Der ehemalige „Spiegel“-Redakteur Oliver Gehrs schreibt über seinen früheren Chef Stefan Aust
Verzicht auf einen Lobgesang

Das waren Zeiten, als der Journalist Stefan Aust keine Debatte der alten Bundesrepublik ausgelassen hatte. Er sprach mit RAF-Terroristen, dokumentierte die staatliche Brutalität beim Bau von Atomkraftwerken oder recherchierte in der Neonazi-Szene.

HB DÜSSELDORF. Aust war ein linker, kritischer Hansdampf in allen Gassen der 68er-Bewegung. Vor allem mit seinem eindrucksvollen Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" schrieb er ein Stück Nachkriegsgeschichte. Das trägt dem Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" bis dato Respekt und Anerkennung ein.

Heute steht der 59-Jährige im Zenit seiner Macht. Er leitet seit mehr als zehn Jahren nicht nur das immer noch einflussreichste Magazin der Republik, sondern ist mit "Spiegel TV" im Privatfernsehen seit Jahren präsent und betreibt einen Fernsehkanal namens "XXP".

Der frühere "Spiegel"-Wirtschaftsredakteur Oliver Gehrs hätte genügend Fakten gehabt, um einen Lobgesang auf einen der mächtigsten Journalisten Deutschlands schreiben zu können. Doch dieser Versuchung erliegt der einstige Spezialist für Medienthemen beim Hamburger Nachrichtenmagazin glücklicherweise nicht. Im Gegensatz zu mancher obrigkeitshörigen Biografie zu Medienunternehmen und ihren Lenkern hinterfragt Gehrs mit Akribie und Sachkenntnis die erstaunliche Wandlung des Vorzeige-Linken Stefan Aust zum "Opportunisten der Macht".

Gehrs beschreibt den "Spiegel"- Chefredakteur als jemanden, der im Museumswagen von Mercedes-Benz bei einem Promi-Autorennen in Italien mitfährt. Ein Interview mit dem Hollywood-Milliardär Haim Saban, dem der Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 gehört, wird zum netten Geplänkel.

Gehrs geht es nicht darum, die Eitelkeit Austs zu belegen. Vielmehr dokumentiert er die Metamorphose des "Spiegels" nach dem Tod des Gründers Rudolf Augstein. Die Zeiten des "Sturmgeschützes der Demokratie" sind passé. "Im Spiegel selbst sind kritische Stimmen verstummt, er ist innen hohl", bilanziert Gehrs hart.

Aust selbst stand dem Autor für ausführliche Interviews nicht zur Verfügung. Er hat den Marsch durch die journalistischen Instanzen beendet und ist am Ziel angekommen. Der "Spiegel" ist publizistisch wie wirtschaftlich erfolgreich. Gehrs, der einst die Medienseite bei der "taz" leitete, beschreibt detailliert, wie sich der Sohn des Gründers, Jakob Augstein, um die Unabhängigkeit des Magazins sorgt und damit zum Gegenspieler von Aust aufsteigt. Das Buch ist nicht nur eine spannend, gut geschriebene Biografie, sondern ein Stück Mediengeschichte - kritisch, aufklärerisch, respektlos ganz im Sinne der einstigen "Spiegel"-Tradition.

Schade ist nur, dass Gehrs ein Fehler unterlaufen ist. Ausgerechnet der Fernsehableger des "Spiegel"-Konkurrenten "Focus" hat sich juristisch gegen das Buch durchgesetzt. Gehrs darf nicht mehr behaupten, dass bei "Focus TV" Beiträge des "Fernsehfälschers" Michael Born ausgestrahlt wurden.

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