Der einseitige Abzug der Israelis aus dem Gaza-Streifen birgt viele Risiken, schreiben Dennis Ross und Itamar Rabinovich
Das Wissen der Chefunterhändler

Die Suche nach Frieden scheitert im Nahen Osten vor allem an zwei Hindernissen: Einerseits werden die Kosten für den Frieden als zu hoch angesehen. Gleichzeitig fehlt den Politikern oft der Mut, um die Risiken des Friedens auf sich zu nehmen. Dennoch sollten einseitige Optionen, die dem Partner diktiert werden, nicht als attraktive Lösungsansätze propagiert werden. Banale Erkenntnisse?

HB TEL AVIV.Nicht, wenn sie von einem Mann stammen, der wohl den Weltrekord in Sachen Nahostverhandlungen für sich beanspruchen kann: Dennis Ross, der amerikanische Chefunterhändler, der sich in den neunziger Jahren unermüdlich, am Ende aber doch erfolglos für eine bessere Zukunft von Israelis und Palästinensern eingesetzt hat. In seinem Buch "The missing Peace" zeichnet er die Höhen und Tiefen bei der Suche nach dem Frieden nach. Er analysiert nicht nur die Probleme, sondern bringt dem Leser auch die annähernd 100 Hauptdarsteller aus sieben Ländern mit anschaulichen Anekdoten näher. So soll US-Präsident Bill Clinton über das Verhalten des damaligen israelischen Premiers Benjamin Netanjahu gesagt haben: "Er glaubt, er sei die Supermacht und dass wir hier sind, um das zu tun, wonach er verlangt."

Von aktueller Relevanz ist die Überzeugung von Ross, dass der für kommende Woche vorgesehene Rückzug der Israelis aus dem Gaza-Streifen die Region keiner Lösung näher bringe. Die Räumung Gazas werde zwar zu einer verteidigungsfähigen Grenze führen und das unlogische Verhältnis zwischen der großen Zahl von Soldaten und den wenigen zu beschützenden Siedlern beenden. Aber, so warnt Ross, die Palästinenser würden wahrscheinlich Grenzen ablehnen, die ihnen die Israelis aufzwingen. Nur eine intensive Koordination des Rückzugs mit den Palästinensern könne dieses Risiko abwenden.

Wie kompliziert und unberechenbar solche Verhandlungen sein können, zeigt auch Itamar Rabinovich, israelischer Chefunterhändler bei den syrisch-israelischen Gesprächen zwischen 1992 und 1996. In seinem Buch "Waging Peace" dokumentiert er zunächst, wie nahe sich die beiden Seiten gekommen waren, als es um einen Rückzug der Israelis von den seit 1967 besetzten Golanhöhen ging - im Austausch für ein Friedensabkommen. Doch dann erwiesen sich die Positionen als unüberbrückbar.

Das lag nicht nur an einer Fehlkalkulation des damaligen syrischen Präsidenten Hafez el Assad, der seine Stärke im Verhandlungspoker überschätzt hatte. Sein Gegenspieler Itzhak Rabin war weder willens noch in der Lage, den von Assad verlangten Preis zu bezahlen, weil die Räumung der Golanhöhen in Israel äußerst unpopulär war.

Im Gegensatz zu Ross, der weder Amerikaner, Israelis noch Palästinenser mit Kritik verschont, mag Rabinovich nur bei den Arabern Fehler erkennen. So streift er zum Beispiel die Initiative Saudi-Arabiens, das Israel im Frühling 2002 einen "vollen Frieden" und "Normalisierung der Beziehungen" anbot, falls sich Israel aus den besetzten Gebieten zurückziehen würde. Er lässt aber unerwähnt, dass Israel auf diese Initiative nicht reagierte, sie als PR-Manöver abtat und den diplomatischen Vorstoß im Sand verlaufen ließ, weil Premier Ariel Scharon schlicht nicht verhandeln wollte.

Rabinovich erinnert daran, dass Scharon anfänglich auch die Road-Map, den von US-Präsident George W. Bush am 15. Oktober 2002 präsentierten Friedensplan, ablehnte. Aber Israels Premier ließ sich belehren. Wegen eines Vorschlags, der so "hypothetisch und entfernt" war wie die Road-Map, wollte er Bush nicht vor den Kopf stoßen. Die Road-Map sollte ja keinen unmittelbaren Effekt haben, sondern nur die Prinzipien für die Wiederaufnahme des Friedensprozesses festlegen, sobald die Irak-Krise gelöst sein würde.

Beim Schreiben des Buchs war Rabinovich Scharons Plan für einen Rückzug aus Gaza erst in Grundzügen bekannt. Auch Rabinovich, der Vor- und Nachteile der Option eines Rückzugs ohne Absprache mit den Palästinensern gegeneinander abwägt, warnt wie Ross vor negativen Folgen. Von einem einseitigen Rückzug seien keine unmittelbaren politischen Dividenden zu erwarten, die Israel für die Konzessionen entschädigen würden.

DENNIS ROSS: The Missing Peace - The Inside Story of the Fight for Middle East Peace Farrar Strauss & Giroux, New York 2004, 840 Seiten, 35 Dollar

ITAMAR RABINOVICH: Waging Peace - Israel and the Arabs 1948 - 2003 Princeton University Press, 2004, 326 Seiten, 16,95 Dollar

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