Der einstige Staranwalt Rolf Bossi rechnet mit der Justiz ab – und verheddert sich dabei in eitler Selbstgerechtigkeit
Ein selbst ernannter Gott duldet keine Halbgötter

Anwälte gelten gemeinhin als Sprachtaktiker - insbesondere dann, wenn sie jahrelang Strafverteidiger waren. Rolf Bossi, einstiger Star der Zunft, beherrscht dieses Handwerk noch immer formidabel.

HB DÜSSELDORF.Im Anfangskapitel seines neuen Buchs gibt er gleich eine rhetorische Kostprobe. "Vielleicht vermissen Sie darin etliche meiner so genannten spektakulären Fälle", schreibt Bossi - um sie auf diese Weise dann doch aufzählen zu können: den Kindermörder Jürgen Bartsch habe er verteidigt, den Gladbecker Geiselgangster Dieter Degowski ebenso wie die Schauspielerinnen Ingrid van Bergen und Romy Schneider. Aber bitte: keine falschen Schlüsse. "Mir geht es nicht um eitle Selbstbespiegelung."

Strafverteidigern sollte man nicht alles glauben. Denn das neue Werk des ehemaligen Lieblings der Medien ist vor allem das: eine über viele Strecken eitle und selbstgerechte Abrechnung mit jenen, die ihn jahrelang gepiesackt haben - den Richtern. "Halbgötter in Schwarz" hat Bossi sie getauft und wirft ihnen Fehlurteile, Kungelei bis hin zur Rechtsbeugung vor. "Skandalös" heißt sein Lieblingswort. "Peinlich" könnte das Echo lauten.

Dabei liest sich das, was Bossi zusammengetragen hat, nicht einmal unspannend. Seine Fälle drehen sich um unbekannte, aber faszinierende Verfahren: um einen Staatsanwalt etwa, der wegen Vergewaltigung angeklagt wird, um einen Macho, der beim Sex seine Gespielin erschießt, um einen Türken, der seine lebenshungrige Frau tötet. Viele dieser Prozesse sind - sieht man sie durch Bossis Brille - im Wirken der Richter tatsächlich abstrus: Beweise für eine Justiz, die auf dem hohen Ross der Unfehlbarkeit sitzt und die, was nicht passt, passend macht. Bossi wirft das, von Ausnahmen abgesehen, nicht den Richtern persönlich vor. Er will anhand seiner Fälle die Fehler im System aufzeigen.

Das Problem ist nur: Will man in seine Klage einstimmen, muss man ihm glauben, und nur ihm. Aber Bossis bisweilen wütende Selbstgerechtigkeit baut dem Leser keine Brücke. So wirft er den Medien vor, Gewalt und Kriminalität aufzubauschen, blendet aber aus, dass er zu jenen gehörte, die gut davon lebten, dass sie die Presse mit den Geschichten von Mandanten bedienten (und so den eigenen medialen Aufstieg förderten). Kaum ein Wort auch zur Rolle der Anwälte. Halbgötter in Schwarz, das sind für Bossi ausschließlich Richter. Obwohl das Spiel der Advokaten mit taktischen Beweis- und Befangenheitsanträgen die Justiz unbestreitbar mitbeschädigt.

Eine Anklage nach dem Motto: Gnade der eigenen Fehlbarkeit - Unerbittlichkeit im Umgang mit anderen. Und die werden vom einstigen Meister des Floretts mit der Streitaxt bearbeitet. Einer Gutachterin etwa wirft Bossi vor, die 80-Jährige habe über die Jahre "auch mental ein wenig abgebaut". Eine unnötige Rüpelei, bedenkt man, dass der 82-Jährige erst kürzlich noch vehement um seinen Führerschein gestritten hat - trotz 23 Punkten in Flensburg. Die "Halbgötter in Schwarz" attestierten ihm daraufhin "mangelnden Willen zu rechtstreuem Verhalten". Das wirft Bossi umgekehrt den Richtern vor - und schreckt weder vor Vorwürfen der Rechtsbeugung (bei voller Namensnennung) noch vor Vergleichen mit der NS-Justiz zurück. Wenn er sie noch heute "in der Tradition jener NS-Rechtsbrecher" sieht, ist das nicht nur schwer erträglich, sondern auch ein geschichtlicher Missgriff.

Mehr Nüchternheit hätte Bossis Intention gut getan. So wirkt sein Buch an vielen Stellen nur wie eine späte Verteidigungsschrift. "Vielen meiner Mandanten", so Bossi, "konnte ich in Fällen skandalösen Justizunrechts allein deshalb nicht helfen, weil unser Rechtssystem es nicht zuließ." Ein selbst ernannter Gott in Schwarz hat mit den Halbgöttern offenbar noch nicht seinen Frieden gemacht.

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