Der Gegenwart auf den Zahn fühlen
Die Gitarre im Anschlag

Die drei Sänger Bruce Cockburn, Stefan Stoppok und Ron Sexsmith fühlen der Gegenwart auf den Zahn und unterhalten doch.

Ja, es gibt sie noch, die engagierten Protestsänger und Poeten mit der Gitarre im Anschlag. Jene unangepassten Typen vom Schlage eines Woody Guthrie oder Bob Dylan. Die ihr Ding machen ohne Rücksicht auf die Gesetzmäßigkeiten des Showbusiness, weil sie etwas zu sagen und zu singen haben, und die Welt seit Guthrie zwar eine andere, aber keine bessere geworden ist.

Gleich drei dieser Unentwegten, die mit der Gitarre, ihrer Stimme und gesungenen Alltagsgeschichten – aber oft auch mit der Durchschlagskraft einer ganzen Rockband – der Gegenwart auf den Zahn fühlen, sind jetzt mit dem Programm „Acoustic Stories, 2. Teil“ in einer Reihe deutscher Städte zu hören.

Der kanadische Singer-Songwriter Bruce Cockburn, der gerade sein 27. Album vorgelegt hat, ist der mit Abstand Älteste und Erfolgreichste unter ihnen. Seit über drei Jahrzehnten zählt er zu den Besten. Cockburn – bitte ohne das ck sprechen –, hat sich hier zu Lande schon seit den 80er-Jahren, auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung, einen Namen gemacht: als großartiger Gitarrist und Songwriter, der über die Fährnisse der Liebe und des Alltags ebenso kluge Dinge zu sagen weiß wie über die Ungerechtigkeit in der Welt. Nicaragua, Somalia oder auch die nach wie vor miserable Lebenssituation der Indianer in Kanada sind Themen, die ihm unter den Nägeln brennen. Er schränkt aber ein: „Wer meine Arbeit lediglich als politisches Song-Writing sieht, dem entgehen viele andere Seiten dessen, was ich tue. Für mich selbst geht es immer um die gleiche Sache: um das Leben.“

Das hätte Ruhrpottbarde Stefan Stoppok, den es mittlerweile nach Bayern verschlagen hat, nicht besser sagen können. Stoppok ist ein begnadeter Erzähler mit ausgezeichneten Entertainerqualitäten – was ihn von Cockburn doch etwas unterscheidet.

Stoppok braucht das Publikum, um jemanden zu haben, mit dem er in dem einsamen Moment auf der Bühne reden kann. Er sitzt oder steht da und erzählt etwa von Pommes-Erwin und Wellness-Werner und freut sich, wenn der Funke zu seinen Konzertgästen überfliegt. Und das dürfte ihm mit den Liedern von „Bla-Bla Nonstop“, seiner frisch gepressten CD, nicht schwer fallen. Mit der Wünschelrute des auf unterhaltsame Aufklärung zielenden Sängers hat er die gängigen Worthülsen und den ganz normalen Wahnsinn aufgespürt und auf seine Art verarbeitet.

Als Newcomer zumindest auf dem deutschen Markt gesellt sich Ron Sexsmith aus Toronto hinzu. 1991 veröffentlichte er in Kanada seine erste CD, und immer noch gilt er nicht nur in Nordamerika als Geheimtipp, als „musician’s musician“. Bei den Kritikern gilt er als jemand, der etwas zu sagen hat, dessen Texte und Musik ihn von vielen unterscheiden. Der kommerzielle Erfolg allerdings blieb bislang aus.

Sexsmiths Name wird von wesentlich Bekannteren immer wieder mit Achtung genannt: von Paul McCartney – „Paul sagte mir, ich sei von den jungen Songschreibern einer seiner liebsten“ – über Elton John, Elvis Costello, Lucinda Williams, die ihn coverten, bis zu Steve Earle, mit dem er eine CD produzierte.

Sexsmith, der die Kunst des Songs auf den ersten Blick direkt von den Größen Dylan, Young und Springsteen gelernt zu haben scheint, gibt sich dann doch eher als Erbe Bing Crosbys zu erkennen. So passt dieser Enddreißiger mit dem jungenhaften Gesicht in keine Kiste: Das ist seine Stärke – im Pop-Business ist es ein Handicap. Doch der Kontext macht den Meister: Neben unverbogenen Erfolgreichen wie Cockburn und Stoppok wird Sexsmith mit dieser Tour vielleicht endlich die Anerkennung zuteil, die er schon lange verdient.

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