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Der Gottesmann

Unbeirrt legt der Papst ein neues Buch über das Wirken von Gut und Böse vor

Der Papst habe ihn noch nie so für sich eingenommen wie jetzt, bemerkte der Schriftsteller Martin Walser kürzlich. Eine Impression, mit der Walser nicht allein steht. Zahlreiche Intellektuelle und Politiker, auch solche, die dem Oberhaupt der katholischen Kirche in der Vergangenheit nicht gerade uneingeschränkt applaudierten, zollten Johannes Paul II. in den vergangenen Wochen Respekt. Der schwer leidende Papst, gestern erneut ins Krankenhaus eingeliefert, und sein Kampf ums Leben aus Verpflichtung gegenüber einer höheren Aufgabe - das imponiert Milliarden Menschen an den Fernsehschirmen rund um den Erdball.

Mitten in diese Welle der Zustimmung und des Mitgefühls platzt nun das neue Buch des Papstes "Erinnerung und Identität". Ein Vermächtnis wurde erwartet, eine theologische und persönliche "Summe" des Lebens. Aber die ersten Vorabinformationen, die die Öffentlichkeit am vergangenen Wochenende aus Polen erreichten, klangen ganz anders. Da ist von einem Vergleich des Holocausts mit der heutigen Abtreibungspraxis die Rede, von Kritik an der Legalisierung homosexueller Ehen. Töne, die gar nicht ins Bild passen wollen von einem alten Mann, der, von einer höheren Mission beseelt, gegen die Begrenztheit des eigenen Körpers kämpft.

Der ersten Sprachlosigkeit folgten die Wortmeldungen Betroffener: Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, weist den Vergleich zurück, die Verbände der Homosexuellen wehren sich. Johannes Paul II. steht inmitten einer heftigen politischen Auseinandersetzung. Wie passt beides zusammen? Der Papst der Zuneigung und der Papst der Provokation?

Der Kirchenführer selbst würde diesen Widerspruch nicht verstehen. "Das Bewusstsein des ,unnützen Sklaven? wächst ständig in mir inmitten all dessen, was um mich herum geschieht - und ich denke, das ist gut so", resümiert Johannes Paul in "Erinnerung und Identität". Natürlich nimmt das Oberhaupt von 1,1 Milliarden Katholiken wahr, wie beliebt er ist. Ebenso entgeht ihm nicht, wenn er Anstoß erregt. Doch in erster Linie sieht er sich als Diener einer religiösen Verpflichtung. Einer seiner Lieblingstitel als Bischof von Rom ist die Bezeichnung "Servus servorum Dei" (Diener der Diener Gottes).

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