Der Historiker Hermann Hiery hat beeindruckende Bilddokumente zusammengetragen
Neue Einblicke in die deutsche Kolonialgeschichte

Was heute Papua-Neuguinea ist, hieß früher Kaiser-Wilhelms-Land. Zusammen mit dem Bismarck-Archipel, Mikronesien sowie Samoa bildete es einst das deutsche Kolonialreich im Pazifik. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten dort hanseatische Kaufleute mit Palmöl und Kopra Geld verdient.

HB DÜSSELDORF. Und um die europäische Konkurrenz rechtzeitig auszuschalten, schickte die Regierung seiner Majestät Kaiser Wilhelms II. Kanonenboote in die Südsee und erklärte all diese Ländereien und Inseln zu deutschen Schutzgebieten. Verwaltungsbeamte, Forscher und Missionare sollten den Händlern folgen. In ihrem Gepäck hatten sie Kameras, mit denen sie das koloniale Leben festhielten.

Aus dem fotografischen Nachlass von rund dreißig Jahren deutscher Herrschaft im Pazifik hat der Historiker Hermann Hiery nun über 540 Fotografien aus privaten und öffentlichen Sammlungen ausgewählt. Entstanden ist so ein einzigartiger Bildband, der die einheimischen Kulturen unter deutschem Einfluss und das Leben der Deutschen als Kolonialherren in der Südsee eindrucksvoll dokumentiert.

Zu finden sind darin Aufnahmen, die zum einen das bereits damals existierende Klischee von der "paradiesischen Südsee" pflegten. Zum anderen enthält das Buch zahlreiche Bilder von den ursprünglichen Bewohnern der Inselwelt, die durch explizite Betonung des "Exotischen" die vermeintliche Überlegenheit der Europäer bestätigen sollten. Der naive und von der Zivilisation gänzlich unberührte Eingeborene oder der durch seinen Körperschmuck Furcht einflößende Wilde - an diesen beiden Polen schien sich die Motivauswahl oftmals zu orientieren.

"Fotografie war zunächst eine ausschließliche Sache der Europäer, und zwar vor allem der Männer", erklärt Hiery die Gründe. Kein Wunder, dass halb nackte Südseeschönheiten äußerst populär waren. Die häufig gequält wirkenden Gesichtszüge der fotografierten jungen Frauen hinterlassen dabei einen ziemlich bitteren Beigeschmack, denn das Posieren vor der Kamera geschah eindeutig wohl nicht immer ganz freiwillig. Und so sagen die Fotos in vielen Fällen mehr über denjenigen aus, der sie geschossen hat, als über das eigentliche Motiv.

Bemerkenswert ist auch das, was nicht vor die Kamera kam: nämlich tote oder kranke Deutsche. Tropenkrankheiten wie Malaria gehörten im Pazifikreich des Kaisers jedoch zum Alltag, waren aber kaum mit dem Bild von Südseeromantik und Kolonial-Herrlichkeit vereinbar.

Das Ablichten des Vollzugs grausamer Strafen an den Einheimischen scheint ein Tabu gewesen zu sein. Als Fotomotiv genauso ungeeignet war der Tod Tausender Einheimischer durch die ungewohnt harten Arbeitsbedingungen auf den Plantagen und im Bergbau. All das erfährt der Leser im Begleittext.

Das Fazit: Dieser wirklich mit viel Liebe zum Detail konzipierte Bildband vermittelt einmalige Einblicke in ein kaum bekanntes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte.

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