Der israelische Historiker Tom Segev schreibt über die Zeit vor der Gründung des Staates Israel
Die Tragödie Palästinas

Deprimierend und erfrischend zugleich ist das Buch des israelischen Historikers Tom Segev über die Ursprünge des jüdisch-palästinensischen Konflikts. Deprimierend, weil es die Entwicklung zu Gewalt und Krieg dokumentiert. Erfrischend, weil es anhand neuer Quellen das Verhalten der britischen Mandatsmacht in Palästina von 1917 bis 1948 neu bewertet.

HB TEL AVIV.Zu Beginn von "Es war einmal ein Palästina" schildert Segev einen kleinen Friedhof am Südhang des Berges Zion und skizziert so die Stimmung: "Als (im 19. Jahrhundert) die ersten Toten hier bestattet wurden, war Palästina eine entlegene Region des Osmanischen Reichs. Die Uhren tickten langsam - das Tempo wurde bestimmt vom Schreiten des Kamels und den Zügeln der Tradition."

Als gegen Ende des Jahrhunderts Muslime, Christen und Juden einwanderten, erwachte das Land. Nach einer packenden Darstellung der großen Umwälzungen im Nahen Osten schwenkt Segev auf den Friedhof zurück: "Die meisten von denen, die im hinteren Teil bestattet sind, kamen bei den immer wieder aufflammenden Gewaltausbrüchen ums Leben, die für die dreißigjährige britische Herrschaft so charakteristisch wurden."

An der Tragödie Palästinas sind die Briten nicht ganz unschuldig. Als sie gegen Ende des Ersten Weltkriegs das Heilige Land eroberten, behandelten sie es als politische Einheit. Sie ahnten nicht, dass das Mandatsgebiet bereits zerrissen war. "Entweder besiegten die Araber die Zionisten, oder die Zionisten unterwarfen die Araber", schreibt Segev. "Der Krieg zwischen beiden war unvermeidlich."

Als Dank für die Unterstützung gegen die Türken stellten die Engländer den Arabern Palästina in Aussicht. Den Juden versprach London denselben Landstrich - um die Zionisten als Verbündete zu gewinnen.

Segev zeichnet das Bild einer widersprüchlich handelnden englischen Kolonialmacht und einer zielbewusst agierenden zionistischen Minderheit. Während die Araber die bedrohliche Entwicklung lange Jahre nicht realisierten, konnten die Zionisten tüchtig zulegen. Bis zur Staatsgründung von 1948 nahm der jüdische Bevölkerungsanteil um mehr als das Zehnfache zu.

Tom Segev gehört zu einer Generation von israelischen Historikern, die den zionistischen Gründungsmythos des Staates Israel kritisch und mit neuen Quellen untersuchen. Der 60-Jährige widerlegt nicht nur die These, wonach die Briten die Zionisten von Anfang an benachteiligt hätten. Segev zeigt auch, dass die Zionisten während des britischen Mandats als Staat im Staat operieren konnten. So setzten sie durch, dass die hebräische Sprache offiziell anerkannt wurde.

Erst am Vorabend des Zweiten Weltkriegs verschlechterte sich das zionistisch-britische Verhältnis. Die Engländer wandten sich ab 1939 den Arabern zu, um deren Unterstützung gegen die Nazis zu gewinnen.

Segev schildert auch das komplexe jüdisch-arabische Verhältnis in den zwanziger und dreißiger Jahren. Minutiös dokumentiert er Einzelschicksale und macht die Geschichte lebendig, indem er aus Tagebüchern, Briefen und Zeitungsartikeln zitiert. Dabei weiß er auch den Wert von Anekdoten zu schätzen, die durch Quellen belegt sind. Denn auch diese, so findet er zu Recht, "haben unter den Träumen und Illusionen, den Märchen und Mythen durchaus ihren Platz".

TOM SEGEV: Es war einmal ein Palästina Siedler Verlag, München 2005, 670 Seiten, 28 Euro

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