Kultur + Kunstmarkt
Der Junge aus den Schweizer Bergen

Im Juni erscheint im Zürcher Orell Füssli Verlag die erste Biografie über Josef Ackermann. Ackermann ist für die Eidgenossen so etwas wie der verlorene Sohn: ein Junge aus den Schweizer Bergen, der auszieht, die Bankenwelt zu erobern.

ZÜRICH. Der Mann ist eben eine Nummer, und deswegen genügt ein Dienstjubiläum wie das zehnjährige, um eine erste Biografie über ihn herauszubringen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist die Figur, deren Karriere der Schweizer Autor und Journalist Erik Nolmans nachzeichnet. Ackermann ist für die Eidgenossen so etwas wie der verlorene Sohn: ein Junge aus den Schweizer Bergen, der auszieht, die Bankenwelt zu erobern. Der im eigenen Land bei der Credit Suisse an heute eher geschmähten Vorgesetzten scheitert, um dann bei dem deutschen Spitzeninstitut Erfolge zu feiern. Eine Glanzfigur, die die Eidgenossen einst in Abwesenheit zum "Schweizer des Jahres 2002" gewählt haben. Ein Mann, der Rekordergebnisse vorlegt und - auch das haben seine Landsleute inzwischen allerdings registriert - Victory-Zeichen in die Kamera hält. "Die Figur polarisiert", sagt Nolmans.

Wie sehr Polarisierung in der harmoniegedämpften Schweiz zu gesteigertem Interesse führen kann, hat Ackermann kürzlich selbst erlebt, als er auf Einladung eines der vielen Zürcher Netzwerke eine Tischrede im ehrwürdigen "Zunfthaus zur Meisen" an der Limmat hielt. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Ackermann brauchte sein Mikrofon und die sechs Lautsprecher, um sich zwischen gedeckter Tafel und romantischen Ölgemälden verständlich zu machen. Er kam auch hier, bei einem Heimspiel sozusagen, nicht um die Frage nach seiner Rolle im Mannesmann-Verfahren herum. Die Schweizer streiten inzwischen genauso gern über Managergehälter, wie ihre deutschen Nachbarn und haben dabei insbesondere die Banken im Visier. Ackermann wurde in seiner Antwort zur Sicherheit grundsätzlich, was stets von der eigenen Rolle ablenkt. Er sieht einen Unterschied der Rechtssysteme. Das eine, das angelsächsische, orientiere sich mehr am Eigentümerinteresse. Die Manager müssen ordentlich motiviert werden, um den Aktionären Gutes zu tun. Das andere, das deutsche, orientiere sich mehr am Unternehmensinteresse. "In diesem Umfeld ist die Wertschaffung nicht der alleinige Maßstab", erkennt Ackermann.

Dass sich die Deutsche Bank unter Ackermanns Führung bislang eher am angelsächsischen Modell orientiert, legt Buchautor Nolmans allerdings nahe. Sein 256 Seiten starkes Werk baut auf eigenen Beobachtungen, Recherchen und Hintergrundgesprächen auf. Zwar geizt er nicht mit Beschreibungen von friedlichen Wochenenden bei Familie Ackermann, die durch das plötzliche Läuten des Telefons jäh unterbrochen werden. Aber Nolmans kann mehr, als nur zu erzählen. Der Redakteur des Wirtschaftsmagazins "Bilanz" entfaltet eine facettenreiche Innenansicht der Deutschen Bank. Wer wem gewogen ist und wer wen nicht ausstehen kann - Nolmans identifiziert Seilschaften. Als es bei der Deutschen Bank um die Gretchenfrage geht: "Wie hältst du es mit dem Investment-Banking?" stellt er unzweideutig fest: "Ein fast mittelalterliches Vasallensystem beginnt sich bei der Bank breit zu machen. Und jeder sucht sich seinen Schirmherrn."

Beschrieben wird dann der Kampf um den Posten des Sprechers des Vorstands, der sich zu einem Duell zwischen dem "offenen, höflichen, allürenfreien" Schweizer Ackermann und dem "extravaganten", aber "höchst intelligenten" deutschen Kandidaten Thomas Fischer zuspitzt. Nolmans Buch legt nahe, dass Ackermann zu dieser Zeit, im Herbst des Jahres 2000, die entscheidenden Leute in der Bank bereits hinter sich gesammelt hatte. Wie er seine Mitstreiter überzeugte und dass dieses mehr durch Geld als durch gute Worte geschehen sein muss, beschreibt der Autor ausführlich, ohne dass allerdings Ackermann oder sein Förderer Rolf-E. Breuer selbst dabei zu Wort kommen würden.

Damit reiht sich diese Biografie in die Reihe jener Werke ein, die die Einsichten gut informierter Außenseiter wiedergeben. Die fehlende Innenansicht können nur die Beteiligten selbst liefern. Während Breuer nach seinem erzwungenen Rücktritt wegen eines kommunikativen Fehltritts demnächst Zeit hat, seine Sicht der Dinge zu schildern, dürften die offiziellen Ackermann-Memoiren noch auf sich warten lassen. Schließlich hat er erst in diesem Jahr einen neuen Vertrag bis zum Jahr 2010 unterschrieben.

ERIK NOLMANS: Josef Ackermann und die Deutsche Bank - Anatomie eines Aufstiegs Orell Füssli Verlag, Zürich 2006, 256 Seiten, 24,50 Euro (Das Buch erscheint am 19. Juni in Deutschland)

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%