Der politische Thriller
Haarsträubende Zeiten

Der politische Thriller ist so vielfältig wie die Themen, die er aufgreift. Geschickt spannt er den Bogen zwischen den großen Bedrohungen zur individuellen Betroffenheit - und jedes Jahrzehnt bringt neue Geißeln und Phobien.

DÜSSELDORF. Es muss nicht gleich der globale Gau à la James Bond drohen - Spannung lässt sich auch eine Stufe niedriger zünden. Was die Leser seit Jahrzehnten zu Thrillern mit politischem Hintergrund greifen lässt, ist der Bezug zum Hier und Heute, ist Zeitgeschichte - "transformiert und verfremdet im Genre des Thrillers", wie Hans-Peter Schwarz in seinem Buch "Phantastische Wirklichkeit" treffend schreibt. Der politische Spannungsroman schlägt den Bogen von der großen Bedrohung zur individuellen Betroffenheit.

"Der Feind im Spiegel" beispielsweise, von Leif Davidsen. Nach dem Attentat auf das World Trade Center sind die Geheimdienste in den USA und Europa unter Zugzwang. Der Guerilla-Kämpfer Vuk, ein bosnischer Serbe, hat sich in Amerika unter falschem Namen ein neues Leben mit Frau und Töchtern aufgebaut. Doch nach 9/11 fliegt er auf. Weil er aber aus alten Tagen wichtige El-Kaida-Mitglieder kennt, bietet ihm die CIA einen Deal an. Auf der anderen Seite des Atlantiks sondiert Per Toftlund als Chef einer Task-Force die Bedrohungslage in Dänemark. Die zwei Protagonisten wollen beide das Gleiche, nämlich den Kopf eines in Europa lebenden Moslem-Extremisten. Doch können der Ex-Auftragskiller und der Fahnder, die in der Vergangenheit bereits aufeinander getroffen sind, kooperieren?

Hinter den persönlichen Geschichten lässt Davidsen die Nervosität aufflackern, der sich die Sicherheitskräfte nach dem 11. September 2001 nicht entziehen können. Wie er die politische Großwetterlage mit den privaten Welten von Vuk und Per kreuzt, das ist gekonnt. Dem Bösen muss der Leser doch Menschlichkeit zugestehen. Und den Guten treibt der dumpfe Wunsch nach Rache um. Die Erkenntnis: Du entkommst deinem Schicksal nicht. Das Buch ist kosmopolitisch, spannend, gut.

Kalter Krieg, Seuchen, Terrorismus - dem Thrillerautor sind die Geißeln seiner Zeit Inspiration. Religiöser Fanatismus, technischer Fortschritt, eine Industrie, die sich partout nicht in den Dienst der Menschheit, sondern nur in den des Profits stellen will - jedes Jahrzehnt liefert neue Stichworte. Was macht zum Beispiel eine Armee, der der Feind abhanden kommt? Diese Frage stellt Lee Child in seinem Buch "Die Abschussliste". Es ist der Jahreswechsel 1989/90. Der Ostblock ist bald Vergangenheit, und die in Deutschland stationierten Panzerverbände müssen sich auf Wandel einstellen. Was aber hat der Tod eines Generals in einem heruntergekommenen Motel damit zu tun?

Gegen Widerstände aus der Armee untersucht Jack Reacher, Ermittler der Military Police, den Fall und kommt einer breiten Verschwörung auf die Spur. Child-Fans kennen den Serienhelden Reacher als harten Brocken, den nichts aus der Ruhe bringt. "Ich bin einssechsundneunzig groß, wiege hundertfünf Kilo und kann mich behaupten" - noch Fragen? Genauso präsent wie sein Held kommt das Buch daher: schnörkellos, männlich, mit viel Insiderwissen aus der Armee.

Eine weit gebrochenere Männerwelt breitet Yasmina Khadra vor dem Leser aus. "Nacht über Algier" porträtiert ein Land an der Schwelle des Islamismus. Korruption, die Angst der Elite vor dem Abstieg, das Erstarken der Islamisten vor dem Hintergrund sich auf Kosten anderer bereichernder Machthaber - das sind die Zutaten des Buchs. Nach einem Anschlag auf einen einflussreichen Industriellen gerät Hilfspolizist Lino in Verdacht und verschwindet in den Folterkellern Algeriens. Kommissar Brahim Llob glaubt an die Unschuld seines Untergebenen und macht sich daran, Licht in die Angelegenheit zu bringen. Die Spuren führen in höchste Machtzirkel und die Zeit des Unabhängigkeitskriegs.

Seite 1:

Haarsträubende Zeiten

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%