Der Regisseur Frank Castorf scheitert, der DGB steht nun als Kulturverhinderer da
Die Ruhrfestspielruine

Es war ein kalter Nachkriegswinter. Damals, in der Zeit um die Jahreswende zwischen 1946 und 1947, fuhren Hamburger Theaterleute ins Ruhrgebiet, um Kohlen zu besorgen. Die Not trieb sie dazu: Ohne Heizmaterial wäre die Hydraulik der Hamburger Bühnen zerstört worden. Bergleute der Schachtanlage König-Ludwig 4/5 in Recklinghausen-Suderwich halfen den Künstlern. Sie schmuggelten das schwarze Gold an der englischen Besatzungsmacht vorbei.

DÜSSELDORF. Im folgenden Sommer bedankten sich die Hamburger Theaterleute mit einem Gastspiel. Es entstand das Motto „Kunst für Kohle“, und es entstand ein anerkanntes Kulturfestival: die Ruhrfestpiele in Recklinghausen.

Seither erzählen – wenn es denn noch jemanden interessiert – Großväter ihren Enkeln und Lehrer ihren Schülern vom Kulturgebiet Ruhrgebiet, von Arbeit und Solidarität und fortschrittlicher Kunst.

Es war eine schöne Geschichte, entsprungen der Arbeiterkultur, doch spätestens seit Dienstag weiß man: Es ist eine Mär. Denn da entließen der gewissermaßen juristische Nachfolger der Arbeiterbewegung, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), und die Stadt Recklinghausen den künstlerischen Leiter der Ruhrfestspiele, Frank Castorf. Der Mann war schlicht zu revolutionär fürs Gewerkschaftsvolk.

„Das Experiment der Neuausrichtung der Ruhrfestspiele ist mit Frank Castorf als Festivalleiter gescheitert“, teilten die Gesellschafter der Ruhrfestspiele GmbH, der DGB und die Stadt Recklinghausen mit. „Die Gesellschaft muss große Anstrengungen unternehmen, um die Insolvenz der Ruhrfestspiele zu vermeiden und den Fortbestand zu sichern.“ In seiner ersten Spielzeit an der Ruhr hatte der Berliner Castorf mit 22 000 verkauften Karten nur noch knapp die Hälfte der Zuschauer des Vorjahres erreicht.

Castorf, Intendant der Volksbühne in Berlin, hatte seinen ursprünglich bis 2007 laufenden Vertrag bei den Ruhrfestspielen erst im vergangenen August unterzeichnet. Er sagt nun, der DGB habe seine Konzeption des Kulturfestes „boykottiert“ und wesentlich weniger Karten als sonst gekauft.

Seite 1:

Die Ruhrfestspielruine

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%