Der Theatermann Karl-Heinz Ott beweist in seinem Roman „Endlich Stille“ schriftstellerisches Talent
Psychologisches Meisterstück

Ein Philosophieprofessor aus Basel wird auf dem Bahnhof in Straßburg von einem Fremden angesprochen. Er wird diesen Mann vier Monate lang nicht mehr los. Wie ein Schatten klemmt er sich an den Hochschullehrer und treibt ihn damit an den Rand des Wahnsinns.

HB DÜSSELDORF.Der 48-jährige Autor Karl-Heinz Ott, der viele Jahre als Dramaturg gearbeitet hat, deutete sein schriftstellerisches Talent schon 1998 mit dem schmalen Roman "Ins Offene" an. Den versierten Theatermann spürt man nun auch in jeder Zeile seines neuen Buchs "Endlich Stille". Ott hat ein Zweipersonenstück arrangiert, das von den flott geschriebenen Dialogen, von den beiden höchst ambivalenten Figuren und vom dramatischen Finale lebt. Sein Roman ist eine brillante Tragikomödie über die zerstörerische Kraft, die von einem fremden Menschen ausgeht.

Der Professor flüchtet in Straßburg aus dem Hotel, nachdem er mit dem Fremden, der sich als Klavierdozent ausgibt, eine ganze Nacht durchzecht und verplaudert hat. Doch eines Tages taucht dieser vermeintlich unbekannte Mensch, der sich Grävenich nennt, in Basel auf. Er nistet sich in der Wohnung des Intellektuellen ein. Und er bestimmt fortan dessen Leben.

Der Philosoph kann nicht Nein sagen. Er spürt zunächst nicht, wie stark Grävenich schon von seinem Leben Besitz nimmt. Der Professor nimmt nicht wahr, wie der Fremde ihn mit Schuberts "Wandererphantasien" und den feinen Unterschieden zwischen Bechstein- und Steinwayflügeln malträtiert.

Autor Karl-Heinz Ott inszeniert eine völlige geistige Unterwerfung, die bis zur Selbstaufgabe der vermeintlich stärkeren Figur führt. Das Leben des Professors liegt in Trümmern. Seine Wohnung gleicht einer Mülldeponie. Der Alkoholkonsum nimmt bedrohliche Ausmaße an.

War es der Freiheitsbegriff des Philosophen Spinoza, wonach "solche Menschen, die glauben frei zu sein, sich täuschen", der den Professor zur radikalen Umkehr trieb? Waren es Existenzängste, die der Aufschneider Grävenich auslöste?

Jedenfalls kommt es bei einer gemeinsamen Wanderung im Hochgebirge zum dramatischen Plot, der einem Befreiungsakt gleichkommt. "Endlich Stille. Nur Bussarde über mir. Beim Hinabsteigen das Geräusch von Geröll." Otts zweites Buch ist ein psychologisches Meisterwerk geworden.

Karl-Heinz Ott: Endlich Stille, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2005, 208 Seiten, 17,95 Euro

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