Der Trend der Mailänder Möbelmesse: Es gibt keinen mehr
Das Durcheinander des Designs

Je toller das Durcheinander, umso besser die Designadresse. Am buntesten trieb?s auf der Möbelmesse die italienische Firma Moroso. Ein bisschen ratlos machte sie schon, diese ungenierte Liaison von Design und Kitsch.

Gedrechselte Stühle und Häkeldecken. Blüten und Ranken auf Sesseln, Sofas, Sideboards, Tischen. Und kunterbunte Kissen überall. Wenn nicht alles so taufrisch und blitzeblank aus einem dieser modernen Kunststoffe mit dem Vornamen Poly herausgepresst wäre, könnte ich glatt meinen, ich hätte mich verlaufen: auf den Trödel statt in den "Salone del mobile", die Hochburg des internationalen Möbeldesigns in Mailand.

Aber nein, je toller das Durcheinander, umso besser die Designadresse. Am buntesten trieb?s auf der Möbelmesse die italienische Firma Moroso. Sie wird gerühmt als eine der letzten Bastionen von Kreativität und Innovation in diesen schweren Zeiten, in denen Buchhalter und Kreative mit demselben Stift zu demselben Ergebnis kommen: Möbel ohne Tadel, einfach und praktisch, komfortabel und schön.

Nie war er so verbreitet wie heute, der gute Geschmack. Nie war "das Design" so verdächtig, scheintot auf dem Mainstream dahinzutreiben. Nie und nimmer hätte ich mir allerdings auch vorzustellen gewagt, dass Designverrückte sich auf einem Messestand drängeln, der sich selbst als "Hip Bazaar" ausweist.

Ein bisschen ratlos machte sie schon, diese ungenierte Liaison von Design und Kitsch. Aber am Ende waren dann doch alle entzückt - wenn schon nicht von jedem Schnörkel, so doch vom Eindruck allgemein. Endlich wieder ein frischer Wirbel in der Szene.

Nur der Guru grollt. Mitten in die notorische Partylaune, die entdeckungssüchtige Design-Schwärmer Jahr für Jahr in die abgelegensten Winkel des großen Mailand treibt, platzten die Zeitung "Corriere della Sera" und der zornige Altmeister Ettore Sottsass mit der Schlagzeile "Das Design ist tot. Umgebracht von der Industrie". In der allgemeinen Beschleunigung von industrieller Produktion, finanzieller Kalkulation und medialer Kommunikation arbeiten die Designer, so Sottsass (87), heute nur noch fürs Marketing und für Veranstaltungen, statt Objekte des Traums zu entwerfen.

Altmeister wie Gaetano Pesce und Vico Magistretti stimmten der Standpauke spontan zu. Die erfolgreichen Jungen dagegen machten sich nichts draus. "Ja, ich bin ein gemeiner Söldner der Industrie: Na und?" konterte der viel beschäftigte Piero Lissoni süffisant.

Während Philippe Starck einmal mehr auf seine poetische Art darstellte, dass es ohne Industrie nun mal kein Design geben kann: "Die Beziehung zwischen Unternehmen und Designer muss eine Liebesbeziehung sein. Ein Produkt zu entwerfen ist wie ein Kind machen: Das geht nicht alleine."

Weil er ein großes Herz hat, kriegt er auch viele Babys. In der Stuhlfamilie von Kartell noch eine "Mademoiselle" aus transparentem Kunststoff und pittoreskem Blumendekor (diesmal mit Missoni) und beim Lampenhersteller Flos noch eine "Miss" von klassischer, um nicht zu sagen konventioneller Schlichtheit. Gestern war so was provokant, heute läuft?s wie geschmiert vom Fließband.

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